Die Mysterien der Klebepresse oder Warum wurden die Filme immer kürzer

Nochmal ein Blick zurück ins analoge Kino, als Ergänzung zu diesem Artikel:
Wenn die Filmkopie mittwochs durch den Filmspediteur angeliefert wurde, musste sie für den Folgetag gerichtet oder aufgezogen werden. Das heißt, die einzelnen Akte (600 Meter = 18 Minuten) wurden aus der Büchse oder dem Karton geholt, hintereinander geklebt und auf einen Filmteller aufgespult. Hier das prinzipielle Schema dieses Vorgangs:

akte

Heute wollen wir uns die Verwendung der Klebepresse mal genauer ansehen:

Klebepresse_geschlossen

35 mm-Klebepresse der altehrwürdigen Firma ARRI in München

Klebepresse, geöffnet - und noch unbeschäftigt...

Klebepresse, geöffnet – und noch unbeschäftigt…

filmstreifen1

Ein 35 mm-Filmstreifen soll geschnitten werden. Das passiert immer im
sogenannten Bildstrich –
also dem Raum zwischen zwei Einzelbildern

Klebepresse_Messer1

Der Filmstreifen wird eingelegt und durch die 8 Stifte positioniert,
das Messer rechts wartet auf seinen Einsatz…

Klebepresse_Messer2

Messer runter, schnipp, der Streifen wurde geschnitten…

filmstreifen2

Ein sauberer Schnitt – Oma und Enkel sind zwar getrennt, aber wohlauf


Kommen wir zum eigentlichen Vorgang, dem Zusammenkleben von 35 mm-Film:

Klebepresse_eingelegt1

Die erste Hälfte wird eingelegt und durch vier Führungsstifte in Position gehalten…

Klebepresse_eingelegt2

Die andere Hälfte wird ebenfalls eingelegt…

Klebepresse_eingelegt3

Das Klebeband wird darübergelegt und angedrückt

Klebepresse_geklebt1

Die Klebepresse wird geschlossen,
dadurch schneiden die beiden Messer oben und unten das Klebeband ab,
parallel dazu werden die 10 Perforationslöcher von Stiften durchbohrt

Klebepresse_geklebt2

Der Filmstreifen wird gedreht und die
Rückseite ebenfalls verklebt und geschnitten/gestanzt

Klebepresse_fertig

Eine fertige Klebestelle

filmstreifen3

Die Klebestelle im Detail: Oma und Enkel sind wieder vereint

Klebepresse_Klebeband

Unverzichtbar: Der „Tesafilm“ des Vorführers 😉

Ach ja, um zum Titel dieses Beitrages zurückzukehren: Wenn der Film im Kino seine Spielzeit beendet hatte, musste er vor dem Transport ins Kopienlager oder zum Nachspieler wieder versandfertig gemacht werden.
In der Sprache der Vorführer nannte man das Trennen oder Abziehen.

Die Theorie sah so aus: Die Klebefolie wird runtergeprokelt und die Akte dann wieder mit den Start- und Stoppbändern verklebt. Die Akte kommen dann in die Dosen oder Kartons.

Die Praxis war aber anders: Aus Bequemlichkeit und aus Zeitmangel wurden die Klebestellen zwischen den Akten meist einfach rausgeschnitten, die Akte wurden dann auch nicht mit den Start/Stoppbändern verklebt, sondern diese einfach zusammen mit dem Akt in die Dose getan.

Was zur Folge hatte, dass die Filme immer kürzer wurden!

In den 80/90er Jahren, als die Kinos noch viel Repertoire spielten, fehlten pro Akt schlimmstenfalls je Vorspieler 2 (oder 4) Einzelbilder, was dann beim Aktwechsel (alle 18 Min oder 600 Meter) etwas holperte 😉.
Wenn ein Film also 20 x gekoppelt und getrennt wurde, konnten 20 x 2 Bilder = 40 Bilder, also knapp 2 Sekunden Handlung fehlen…

Ein Beispiel einer derart brachial herausgeschnittenen Klebestelle (der Aktwechsel mit 2 noch verklebten Einzelbildern):

filmraetsel8

© X-Filme-Verleih

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3 Antworten zu Die Mysterien der Klebepresse oder Warum wurden die Filme immer kürzer

  1. Pingback: Kino-Nostalgie: Analoge Filmprojektion | Kinogucker – Ein Filmblog

  2. Robert Belzner schreibt:

    Der alten, analogen Bildqualität muss man nicht unbedingt nachtrauern. In Schärfe und Brillanz hat die Digitalisierung einen Quantensprung an Qualität gebracht. Aber trotzdem hat das Holprige und Unperfekte bei der Vorführung einer zerkratzten und vielfach geflickten 35mm Kopie ihren ganz speziellen Charme. Warten wir’s ab: In wenigen Jahren wird es 35mm Klassiker-Vorstellungen als Specal-Kult-Events geben, wie heute schon die Rocky Horror Picture Show oder die Blues Brothers. Glücklich dann die Kinos, die ihre alten Projektoren nicht entsorgt haben…

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  3. Liegeradler schreibt:

    Und jetzt bringt Tarantino seinen neuen Film zuerst als 70 mm-Kopie in die Kinos. Das sind in Deutschland nur noch ganz wenig Kinos, die dieses Format überhaupt spielen können…

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