Kino-Nostalgie: Analoge Filmprojektion

Es ist vollbracht: Der Großteil der deutschen Kinos ist digital.

plattenkoffer

Gegenwart: Transportkoffer mit Kinofestplatten

Die Filme im Format DCP  (= Digital Cinema Package) kommen auf einer kleinen Festplatte (zum Einstecken oder mit USB-Anschluss) und werden auf den Kinoserver überspielt, der dann den Digitalprojektor mit Bild und Ton beliefert:

koffermitplatte

Festplatte zum Einstecken am Kinoserver

koffermitusbplatte

Handelsübliche USB-Festplatte mit ebensolchem Kabel

Über 100 Jahre lang war Film allerdings ein analoges Medium. Zuerst auf Nitro-Cellulose (die gerne Feuer fing und explodierte) und später als 35 mm-Sicherheitsfilm aus Polyester:

schild_sicherheitsfilm

Ein kurzer Blick zurück, wie man in den letzten Jahrzehnten Filme gezeigt hat:

Kinofilme von 90 Minuten Spielzeit haben eine Länge von etwa 2500 Metern. Da man solch große Spulen nicht so gut verschicken kann (es gab aber Versuche…), wurde jeder Film in kleine Teile von etwa 600 Meter (= 18 Minuten) aufgeteilt:

einakt

Ein Akt (600 Meter = 18 Minuten)

Diese nannte man Akte (angelehnt an die Teilstücke in Theaterinszenierungen), jeder Akt lag in einer Filmdose aus Pappe, Metall oder Kunststoff. Alle Dosen zusammen steckten in einem Karton, der jeweils mittwochs vom Filmspediteur in die Kinos gefahren wurde:

kartonmitakten

7 Akte im Karton (Spielzeit des Films ca. 126 Minuten)

kopien-karton

Vergangenheit: Kopienkarton, versandfertig

Nun war es Aufgabe des Vorführers, alle Akte hintereinander zusammenzukleben, damit der Film beim Start am Donnerstag an einem Stück gezeigt werden kann.
Auf dem Bild sieht man links einen kleinen Tisch, von dem aus die Akte auf den mittleren Teller rechts aufgespult werden:

Spulenturm

3fach-Teller: Oben wird abgespult und zum Projektor transportiert, unten wird aufgewickelt. In der Mitte wird der nächste Film ‚gerichtet‘.

Zum Zusammenfügen der einzelnen Akte verwendet man eine Trocken-Klebepresse. In dieser werden beide Filmenden auf Stoß eingelegt und doppelseitig mit transparentem Klebeband (wie Tesafilm, nur viel reißfester) verbunden. Die Presse stanzt beim Schließen auch die Perforationslöcher in das Klebeband und schneidet es seitlich ab:

Klebepresse

Trockenklebepresse mit eingelegtem 35 mm-Film, vorne die Spule mit dem Klebeband

Zum Thema Klebepresse gibt es hier einen ausführlichen Artikel.

Zurück zu dem Bild mit der sogenannten Telleranlage oben: In der Mitte wird also der neue Film zusammengeklebt (er wird gerichtet oder gekoppelt, wie der Vorführer sagt).

Auf dem oberen Teller liegt ein Film, der gerade vorgeführt wird. Der Anfang des Films ist immer innen und wird mit der roten Abwickeleinheit herausgeführt und über Transport- und Umlenkrollen (der 35 mm-Streifen liegt schonend nur am Rande auf) bis zum Projektor geleitet:

umlenkrollen

Oben: Transportrollen, unten: Umlenkrolle

Hier ein Foto der Abwickeleinheit, sie sorgt dafür, dass der Filmstreifen gleichmäßig abgespult und transportiert wird:

Abwickeln

In der Wikipedia liegt in ein Film von mir, der diesen Vorgang zum Inhalt hat.

Wurde der Film im Projektor vorgeführt, wird er auf weiteren Transportrollen wieder zum Filmteller zurückgeleitet. Auf dem Bild oben ist das der Teller ganz unten.
Die Vorgänge Film zeigen (Teller oben und unten) sowie Film richten (Teller mitte) können parallel durchgeführt werden. Es gibt auch Anlagen mit mehr als 3 Filmtellern übereinander.

Hier ein Detail der Aufwickeleinheit: Hier liegt (auf dem zunächst leeren Teller) ein Ring, an dem der Beginn des Filmes befestigt wird. Nun dreht sich der Teller, zieht den Filmstreifen (über Umlenkrollen) zu sich her und wickelt ihn auf:

Aufwickeln

In der Wikipedia liegt in ein Film von mir, der diesen Vorgang zum Inhalt hat.

Hier nun das Herzstück der Anlage, der 35 mm-Projektor. Ganz oben kommt der Filmstreifen, durchläuft den Projektor (zur Abnahme von Bild und Ton) und verlässt den Projektor unten wieder in Richtung Filmteller:

FP30

Projektor FP 30

Bild und Ton befinden sich nie parallel auf dem Filmstreifen: Der Licht- oder Magnetton muss ohne Geschwindigkeitsschwankungen abgetastet werden, sonst würde er jaulen.

tonverfahren1
tonverfahren2
Das Bild hingegen wird ruckweise durch das Malteserkreuzgetriebe in den Strahlengang eingebracht, üblich sind 24 Bilder pro Sekunde. Mechanische Projektoren konnten oft auch auf 25 B/sec umgestellt werden, der Film lief dann einen Tick schneller, was von kaum einem Zuschauer wahrgenommen wurde.
Aber das Kino sparte Zeit (die für Werbung genutzt wurde) und der Vorführer konnte nachts ein paar Minuten früher Feierabend machen 😉

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8 Antworten zu Kino-Nostalgie: Analoge Filmprojektion

  1. Wortman schreibt:

    Das war immer mal ein highlight früher im Kino, wenn der Film geharkt hatte und man auf der Leinwand das Schmorren sah 😉 Da ist das heute mit den Digitalsteckboxen richtig langweilig…
    Das Schöne früher war dafür, es gab noch richtige Vorfilme und eine hübsche Eisverkäuferin nach der Startwerbung 🙂

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  2. Pingback: Alles über Film – Weltbeste Filme, Regisseure, Genres | Kinogucker – Ein Filmblog

  3. Matthias schreibt:

    Vielen Dank für den aufschlussreichen Artikel. Da ich immer noch analog (auf Diafilm) fotografiere, fand ich es sehr interessant, wie die 35-Millimeter-Technik im Kino funktioniert (hat). Nur eins ist mir nicht ganz klar: Ist das Trennen der Akte (nach einer Vorführung) tatsächlich möglich, ohne das Filmmaterial zu beschädigen oder an jeder Klebestelle zwei Einzelbilder zu verlieren?

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    • Liegeradler schreibt:

      Theoretisch ja: die Klebefolie wird runtergeprokelt und die Akte dann wieder mit den Start- und Stoppbändern verklebt. Die Akte kommen dann in die Dosen oder Kartons, die in die Zentrallager oder direkt zum Nachspieler geschickt wurden…

      Die Praxis war aber anders: Aus Bequemlichkeit und aus Zeitmangel wurden die Klebestellen zwischen den Akten meist einfach rausgeschnitten, die Akte wurden dann auch nicht mit den Start/Stoppbändern verklebt, sondern diese einfach zusammen mit dem Akt in die Dose getan.

      Was zur Folge hatte, dass die Filme immer kürzer wurden!
      In den 80/90er Jahren, als die Kinos noch viel Repertoire spielten, fehlten schlimmstenfalls pro Vorspieler 2 (oder 4) Einzelbilder, was dann beim Aktwechsel (alle 18 Min oder 600 Meter) etwas holperte ;-).

      Ein Beispiel einer herausgeschnittenen Klebestelle (Aktwechsel mit 2 verklebten Einzelbildern):

      Herausgeschnittene Klebestelle

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      • Matthias schreibt:

        Vielen Dank für die schnelle Antwort. Einerseits dachte ich nicht, dass sich der „Klebestreifen“ sauber ablösen lässt, andererseits konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Verleiher es akzeptierten, wenn der Film von Mal zu Mal kürzer wurde. Interessanterweise ist mir früher auch nie aufgefallen, dass ein Film alle 18 Minuten „gesprungen“ wäre. Ich vermute, dass man dies beim Ton sogar eher wahrgenommen hätte als beim Bild. Vielleicht habe ich aber auch einfach immer recht neuwertige Filmkopien erwischt, wenn ich dann und wann mal im Kino war.

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      • Liegeradler schreibt:

        Den Aktwechsel alle 18 Minuten merkst du nur, wenn du von seiner Existenz weißt. Du siehst dann das Achtung-Zeichen und dann unmittelbar vor dem Wechsel das Wechselzeichen rechts oben im Bild.
        Da gibt es viele Varianten: Einkopierte Kreise, von Vorführern aufgemalte Kreise, Kreuze oder sonstige Kunstwerke. Oder auch von Vorführeren ausgestanzte Löcher…

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  4. Pingback: Die Mysterien der Klebepresse oder Warum wurden die Filme immer kürzer | Kinogucker – Ein Filmblog

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