Wie im echten Leben

Land: Frankreich 2021  Regie: Emmanuel Carrère  Dauer: 107 min.  MitJuliette Binoche, Hélène Lambert, Léa Carne, Emily Madeleine, Patricia Prieur, Evelyne Porée, Didier Pupin Label: good!movies  : 17.11.2022  FSK: 6 – Von Georgios Tsapanos

© good!movies

Marianne ist auf der Suche nach Arbeit. Irgendeiner Arbeit. Auch die Jobs am unteren Ende der Einkommensskala sind umkämpft. Sie landet schließlich bei einer Putzkolonne, die die Fähren reinigt, die zwischen Caen und Portsmouth pendeln. Ein Knochenjob zwischen An- und Ablegen. Vier Minuten haben die Frauen pro Kabine.

Wer da nicht mitzieht, bekommt Ärger. Der Druck erzeugt aber auch Solidarität unter den Frauen. Marianne nimmt Christèle frühmorgens im Auto mit. Sie ist fasziniert von der alleinerziehenden Mutter dreier Kinder, die ihr Leben lebt so wie es nun mal ist. Bahnt sich hier eine wunderbare Freundschaft an?

Wenn nur Marianne so vollkommen unverstellt Marianne wäre, wie Christèle Christèle ist. Verkörpert wird sie von Hélène Lambert, die, keine professionelle Schauspielerin, spielt was sie ist. Marianne hingegen spielt, was sie nicht ist. Sie ist Journalistin, will ein Buch über das Prekariat schreiben und wird von der großen Juliette Binoche dargestellt, die auch verhärmt und ohne Make-Up nicht verhindern kann, dass die Kamera sie liebt.

Emmanuel Carrère ist im Hauptberuf Schriftsteller und Wie im richtigen Leben nach La moustache (2005) erst sein zweiter Film als Regisseur. Vielleicht liegt es daran, dass er im ersten Drittel ein wenig mäandert, ehe er seine Story findet. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass daraus kein sozialistisches Agitprop á la Ken Loach und auch kein sozialer Realismus á la Luc und Paul Dardenne geworden ist.

Carrère romantisiert die Lebensumstände seiner Frauen (die ein wenig zu weiß geraten sind) keine Sekunde. Es ist nur so, dass den Autor Carrère der moralische Konflikt der Autorin Marianne mehr interessiert als alles andere. Sie lügt und betrügt. Ihre Story vom Mann, der sie verlassen hat, ist ebenso frei erfunden wie wahrscheinlich auch ihr Name. Kann da die Freundschaft mit der Frau aus der Arbeiterklasse wahr sein?

Ouistreham, so der schlichte Originaltitel, ist sich des Netzes und doppelten Bodens mit denen er operiert, nicht nur bewusst, er macht beides zum Thema. Nicht nur kann Marianne jederzeit in Richtung Paris und Literaten-Boheme aussteigen. Sie ist für die Zuschauer auch durch die Besetzung nicht nur öknomisch das ungleich risikolosere Identifikationsobjekt als Christèle, die ungleich verletzbarer ist und deren trister Job ihr Leben sein wird, solange ihr Körper den täglichen Akkord mitmacht.

Carrère kann seiner „Laiendarstellerin“ Hélène Lambert auf Knien danken. Dank ihr bewahrt der Film das notwendige Gleichgewicht zwischen seien beiden Hauptfiguren. Ohne ihre Präsenz, die den Vergleich mit Binoche keinen Augenblick scheuen muss, wäre aus Wie im echten Leben eine Sozialschmonzette oder Schenkelklopfer-Komödie auf Kosten der Unterschicht geworden. So aber ist er in seinen besten Momenten ein intelligentes und berührendes Drama über das Überwinden von Klassenschranken wie über das Gefangen sein in ihnen. Ganz am Ende, in einer Art Coda, versagt sich Carrère dieser Wahrhaftigkeit zuliebe sogar das Happy End, das einen Augenblick lang zum Greifen nahe zu liegen scheint.

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