Unter Feinden

Originaltitel: Walking with the Enemy  Land: USA, Kanada, Ungarn, Rumänien 2013  Regie: Mark Schmidt  Mit: Ben Kingsley, Jonas Armstrong, Hannah Tointon, David Leon, Flora Spencer-Longhurst  Label: Tiberius-Film  VÖ: 5.7.2018  FSK: 12

Ein Beitrag unseres Konfliktforschers Julian Dax:

© Tiberius-Film

„Truth is stranger than fiction“ – unter dieses Motto könnte man Mark Schmidts Film stellen, erzählt er doch eine wahre Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg, die jedoch derart aberwitzig erscheint, dass man sie glatt als Produkt eines besonders fantasiebegabten Drehbuchautors halten könnte.

Ungarn im Jahre 1944. Im Gegensatz zu anderen von deutschen Truppen besetzten europäischen Ländern leben die ca. 500.000 ungarischen Juden relativ unbehelligt, da die ungarische Regierung eine Art Pakt mit Hitler geschlossen hat. Doch spätestens mit der Ankunft Adolf Eichmanns in Budapest beginnen auch dort erste Deportationen; angeblich werden die jüdischen Mitbürger in Arbeitslager transportiert, in Wirklichkeit jedoch geht es direkt in die Vernichtungslager in Polen. Elek Cohen, dessen Familie zu den ersten Opfern der Deportationen gehört, kommt auf eine ebenso verwegene wie verzweifelte Idee: In der Uniform eines SS-Offiziers und mit Hilfe vor allem des Schweizer Botschafters macht er sich daran, möglichst viele seiner jüdischen Mitbürger vor dem sicheren Tod zu retten…

Für seinen Erstlingsfilm hat sich Regisseur Marc Schmidt wahrlich kein leichtes Thema ausgesucht, muss er doch eigentlich gleich zwei komplexe Handlungsstränge in einem einzigen Film unterbringen. Einesteils erzählt Unter Feinden die tragischen Bemühungen der ungarischen Regierung unter Miklos Horthy, nicht zwischen Hitler und Stalin zerrieben zu werden, andererseits werden wir Zeuge, wie der Mut eines einzigen Mannes zahlreiche Menschenleben rettet. Und man muss leider feststellen, dass sich der Film dabei etwas übernimmt, denn keine der beiden Geschichten kann so richtig überzeugen. Das liegt gleich an mehreren Gründen. So werden z.B. die politischen Hintergründe nur am Rande gestreift, und man muss schon über eine gehörige Portion Hintergrundwissen verfügen, um ganz zu verstehen, was da so alles vor sich geht.

Noch gravierender jedoch fallen die Mängel ins Gewicht, die sich mit der Rettungsaktion von Elek Cohen befassen, der eigentlichen Hauptfigur. Da die Ereignisse auf einer wahren Begebenheit beruhen, fragt man sich von Anfang an, warum man der Hauptfigur einen fiktiven Namen gegeben hat anstatt ihn Pinchas Tibor Rosenbaum zu nennen, wie der Mann wirklich hieß. Natürlich kann sich das Drehbuch mit einem fiktiven Charakter wesentlich mehr Freiheiten und vor allem dramatische Zuspitzungen erlauben, doch da diese im vorliegenden Fall zum Teil haarsträubend naiv bzw. unglaubwürdig erscheinen, gerät das komplette Konstrukt ins Wanken, und etwas Schlimmeres als einen Film über ein historische Ereigniss – zumal es um so etwas Schwerwiegendes wie den Holocaust geht – zu drehen, in dem die Heldentaten des Protagonisten zum Teil an den Haaren herbei gezogen erscheinen, kann man sich nur schwerlich vorstellen.

So will man dem Zuschauer z.B. weismachen, dass es genügt, eine SS-Uniform anzuziehen, eine paar Befehle zu bellen und damit durchzukommen, und das bei den Deutschen, die damals noch viel mehr als heute auf Schriftstücke und Befehle von oben fixiert waren. Auch die Tatsache, dass sich Cohen noch nicht einmal einen deutschen Namen überlegt, bevor er ins Offizierskasino marschiert und auf die entsprechende Frage „Muller…äh Müller“ stottert, verleitet den Zuschauer zum ausgiebigen Augenrollen.

Auch die schauspielerischen Leistungen sind nicht gerade berauschend; während sich Ben Kingsley in seiner kleinen Rolle als ungarischer Regierungschef trotz miserabler Perücke noch halbwegs achtbar aus der Affäre ziehen kann, will man Jonas Armstrong den Helden einfach nicht abnehmen. Zwar verfügt er über ein entsprechend kantiges Kinn, aber wenn es darum geht, Emotionen zu vermitteln, fehlt es ihm schlicht und ergreifend an Charisma und Ausdrucksvermögen. Alles in allem muss man zwar die Bemühungen der Filmemacher loben, sich eines wenig bis gar nicht bekannten Kapitels aus dem Zweiten Weltkrieg angenommen zu haben, und ihre Aufrichtigkeit steht ebenfalls außer Zweifel, aber Schindlers Liste ist Unter Feinden nicht unbedingt.


DVD:

Sprache / Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1, DTS)
Englisch (Dolby Digital 5.1)
Bild / Auflösung: 1,78:1 (16:9)
Laufzeit: ca. 109 Minuten

Blu-Ray:

Sprache / Ton: Deutsch, Englisch (DTS-HD Master Audio 5.1)
Bild / Auflösung: 1,78:1 (1080i/25 HD)
Laufzeit: ca. 113 Minuten

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