Whitney – Can I Be Me

Land: USA/GB 2017 Regie: Nick Broomfield und Rudi Dolezal
Mit: Whitney Houston, Robyn Crawford, Bobby Brown, Cissy Houston, John Russell Houston jr., Bobby Kristina Brown, David Roberts u.a.
Label: good!movies Veröffentlichung: 20.10.2017 FSK: 6

Ein Beitrag unseres Musikologen Julian Dax:

© good!movies

Das hätte sich Dolly Parton sicherlich nicht träumen lassen, dass ihre kleine Country & Western-Komposition, die sie 1973 als Abschiedslied für ihren einstigen Partner Porter Wagoner aufnahm, 19 jahre später ein derartiger Monsterhit werden würde, vor dem man nirgendwo auf der Welt sicher war. Und jetzt alle zusammen: „And IIIIIIIIII will always love youuuuu……“. Spätestens mit dieser Version als Teil des Soundtracks von The Bodyguard wurde Whitney Houston zu einer der bekanntesten und beliebtesten Sängerinnen der Welt und hält bis heute den Rekord, was die meistverkaufte Single einer Sängerin überhaupt betrifft. (Etwas eigenartig mutet es allerdings schon an, dass ein Abschiedslied(!) eine Zeit lang auch auf unzähligen Hochzeiten gespielt und gesungen wurde.)

Mit Whitney – Can I Be Me legt der britische Regisseur Nick Broomfield nun eine beeindruckende Filmdokumentation  über das Leben und Sterben dieser Ausnahmesängerin vor. Anhand zahlreicher Archivaufnahmen, von denen eine sogar die zwölfjährige Whitney beim Singen in der Kirche zeigt, in der ihre Mutter Cissy den Gospelchor leitete, andere, gedreht von Rudi Dolezal während ihrer Europatournee im Jahre 1999 hier zum ersten Mal überhaupt zu sehen sind, entsteht das Bild einer immens talentierten Frau, die irgendwann im Laufe ihrer Karriere den Boden unter den Füßen verlor und einen extrem selbstzerstörerischen Pfad einschlug. Zusätzliche Informationen liefern zahlreiche aktuelle Interviews mit ihren Musikern, Freunden und sonstigen ihr nahestehenden Menschen. Dabei werden, quasi en passant, auch solche gewichtigen Themen wie Rassismus oder Homophobie durchleuchtet.

Nach ihrem ersten Fernsehauftritt mit 19 Jahren erhält die in Newark in einem Ghetto geborene Whitney sofort einen Schallplattenvertrag, allerdings nur, indem sie bzw. ihre Eltern, die sich um das Geschäftliche kümmern, gewisse Zugeständnisse machen. Überliefert ist z.B. die Aussage eines Plattenmanagers „We don´t want a female James Brown!“, der vor allem auf ein weißes Publikum schielt und damit sogar Erfolg hat, denn Houstons Debütalbum verkauft sich allein in den USA 13 Millionen mal. Auch wenn man darauf deutlich ihre Stimmgewalt erkennen kann, enthält es vor allem weichgespülte, harmlose Popsongs. Als Folge wird Houston 1989 bei einer Preisverleihung im Rahmen der sehr populären Sendung „Soul Train“ vom anwesenden  (schwarzen!) Publikum ausgebuht – für die Sängerin eine ganz neue Erfahrung.

Ihrer weiteren Karriere schadet das natürlich überhaupt nicht, und sie wird weltweit immer erfolgreicher. Und da der Druck auf sie entsprechend wächst, versucht sie, wie einige der Interviewten freimütig zu Protokoll geben, mit „verbotenen Substanzen“ dagegen anzukämpfen. An dieser Stelle räumt der Film auch mit der Legende auf, der Sänger Bobby Brown mit seinem extremen „Bad Boy Image“, den sie 1998 heiratet, sei für ihren Absturz verantwortlich; er trank, sie schnupfte Kokain, und nach ihrer Hochzeit vermischten sich ihre jeweiligen Abhängigkeiten.

© good!movies

Natürlich stellt man sich als Zuschauer spätestens hier die Frage: War denn niemand da, der diese Höllenfahrt hätte verhindern oder wenigstens stoppen können? Auch diese Frage versucht der Film zu beantworten, indem er vor allem zwei Personen aus Houstons engen Zirkel vorstellt. Es handelt sich dabei um Robyn Crawford, ihre persönliche Assistentin und Vertraute sowie David Roberts, Houstons Bodyguard, und in diesem Zusammenhang erfährt man nun tatsächlich Neues: Bereits zu Lebzeiten unterstellte man Whitney Houston, dass sie ein lesbisches Verhältnis zu Robyn Crawford unterhielt, was natürlich im homophoben Amerika niemals bekannt werden durfte. Es ist ebenso beklemmend wie erschütternd, Zeuge eines Gesprächs zwischen Cissy Houston und Oprah Winfrey nach Whitney Houstons Tod zu werden, in dem Cissy Houston auf eine entsprechende  Frage antwortet, dass sie ihre Tochter niemals als Lesbierin akzeptiert hätte, schon allein, weil ihr christlicher Glaube ihr das so vorschreibe. Jedenfalls wird im Film deutlich, dass sich Houstons Abwärtsspirale immer schneller zu drehen beginnt, als Crawford auf Betreiben von Bobby Brown ihre Koffer packen muss und aus Houstons Leben verschwindet.

Besonders erhellend ist auch die Aussage von David Roberts, der einen von ihm selbst seinerzeit abgefassten Report vorweist, in dem er ganz akribisch auflistet, welche Ausmaße der Drogenkonsum seines Schützlings mittlerweile angenommen hat. Warum niemand darauf reagiert? Die Antwort liefert er selbst: Inzwischen lebten so viele Menschen vom Geld Whitney Houstons, dass die meisten von ihnen Angst hatten, ihren Goldesel zu verlieren, würde sie sich zurückziehen und eine Entziehungskur machen. So lautet denn auch sein vernichtendes Fazit: „Es gibt da draußen niemanden, der nicht verantwortlich ist für den Tod dieser schönen Frau.“

Alles in allem kann man Regisseur Nick Broomfield bescheinigen, dass er auf dem schmalen Grad zwischen Glorifizierung, Sensationslust und Tatsachenbericht nicht ausgerutscht und abgestürzt ist, sondern – auch wenn einige der Interviewten nicht unbedingt nur Fakten liefern, sondern sich auch in Spekulationen ergehen – einen sowohl emotionalen als auch sachlichen Film angefertigt hat, der nicht nur bei Whitney Houstons Fans einen bleibenden Eindruck hinterlässt.


Technische Daten DVD:

Ton: Dolby Digital 5.1 und 2.0
Sprachen: Englisch
Untertitel: Deutsch
Bild: 16:9 (2,39:1)
Länge: 100 Min
Bonus: Interview mit Regisseur Nick Broomfield, Trailer, Trailershow, Kinotrailer

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