I, Tonya

Land: USA 2017  Regie: Craig Gillespie  Mit: Margot Robbie, Sebastian Stan, Allison Janney, Julianne Nicholson, Caitlin Carver Labeldcm Film Distribution
Veröffentlichung: 24.8.2017  FSK: 12

Ein Beitrag unseres Sportreporters Julian Dax:

© DCM Film Distribution

Mit Ausnahme von Boxern, ganz gleich ob real oder fiktiv, gibt es keine anderen Sportler, für die sich besonders viele Kinogänger so sehr interessieren, dass sie sich einen Film über deren Leben und Karriere anschauen. Das ist insofern bedauerlich, als in den besten Filmen dieser Art der Sport im Grunde nur als Folie dient, um eine Geschichte zu erzählen, in der es in Wirklichkeit um gesellschaftliche Zustände, Missstände und Hintergründe geht, um Moral und Doppelmoral, Wahrheit und Lüge.
Ein solcher Film ist I, Tonya.

Im Mittelpunkt des Filmes steht Tonya Harding, die in den 90ern zu den weltbesten Eisläuferinnen gehörte; so war sie z.B. die erste Amerikanerin, die den dreifachen Lutz beherrschte, einen der schwierigsten Sprünge im Eiskunstlauf für Frauen. Wir lernen sie als dreijähriges Mädchen kennen, die, angetrieben von ihrer mehr als ehrgeizigen Mutter, ganz schnell aufsteigt und bereits mit fünfzehn auf dem Siegespodest steht. Doch so sehr sie sportlich von Erfolg zu Erfolg schreitet, so sehr hat sie private Rückschläge zu verkraften. Das beginnt mit ihrer völlig lieblosen Mutter, von der sie geschlagen und lediglich auf ihre Fehler hingewiesen wird, setzt sich fort mit einer katastrophalen Ehe mit einem prügelnden Nichtsnutz von Ehemann und kulminiert in dem, was im Film von allen als „der Vorfall“ bezeichnet wird – der Attacke auf ihre größte amerikanische Konkurrentin Nancy Kerrigan, die letztlich Tonya Harding zu einer der meistgehassten Personen weltweit macht und sowohl ihre Karriere als auch ihr Leben nachhaltig zerstört.

Das Besondere an I, Tonya ist die Form, für die sich der australische Regisseur Craig Gillespie entschieden hat: Der Film wird von den Hauptfiguren, d.h. Tonya, ihrem Mann Jeff, ihrer Mutter LaVona sowie Jeffs unterbelichtetem Kumpel Shawn erzählt, dem Hauptverantwortlichen für den hirnlosen Angriff auf Nancy Kerrigan. Wäre es ein Roman, würde man von einem sog. „unzuverlässigen Erzähler“ sprechen, d.h. einem Erzähler, dem man nicht unbedingt immer Glauben schenken darf. Und in diesem Fall hat man es gleich mit vier zu tun! Doch keine Sorge, das führt nicht etwa zu einem unübersichtlichen Durcheinander; wie bei einem Puzzle oder Kaleidoskop kann man als Zuschauer versuchen, sich ein vollständiges Bild zu machen von den Ereignissen, die das Leben dieser Menschen bestimmten. Und da Gillespie sich für eine Mischung aus Tragödie, Komödie und sogar Farce entschieden hat, ist das Ganze auch noch verdammt unterhaltsam.

So sieht man z.B. in einer Szene, wie die ehelichen Probleme wieder einmal derart eskalieren, dass Tonya zum Gewehr greift, durchlädt und auf ihren Ehemann schießt, nur um anschließend direkt in die Kamera zu schauen und zu behaupten: „Das ist nie passiert!“

Doch an keiner Stelle verliert Gillespie seine eigentliche Absicht aus den Augen; massive Kritik am sog. „American Dream“ zu üben und zu zeigen, dass es Menschen gibt, die aufgrund von Standesdünkeln von Geburt an keine Chance haben, ihrem Milieu zu entkommen und zum Scheitern verurteilt sind – mögen sie auf ihrem Gebiet noch so talentiert sein. So merkt Tonya schon als Kind, dass sie von ihren Mitschülern als „white trash“ (= Abschaum) betrachtet wird, was ihr auch von den Preisrichtern bei Eislaufwettbewerben unmissverständlich gezeigt wird; während ihre Konkurrenz zu klassischer Musik läuft, wählt sie ZZ Top, während andere in teuren Kostümen auftreten, muss sie aus Geldmangel in selbst geschneiderten Trikots erscheinen. Und während andere sich finanziell keine Sorgen machen müssen, ist sie darauf angewiesen, neben ihrem Training zu arbeiten, nur um von einer hochnäsigen Preisrichterin den Rat zu bekommen, sie möge es vielleicht mit einer anderen Sportart versuchen. Mit anderen Worten: Von klein auf wird ihr bedeutet, sie habe sich gefälligst an die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse zu halten, ganz gleich, zu welchen sportlichen Höchstleistungen sie in der Lage ist.

Wahrscheinlich würde der Film nicht so hervorragend funktionieren, wenn er nicht Darsteller vorweisen könnte, die in jeder einzelnen Szene wirklich alles geben; zwar hat Allison Janney, die Darstellerin von Tonyas Mutter völlig zu Recht einen Oscar als beste Nebendarstellerin erhalten, doch auch die grandiose Margot Robbie in der Titelrolle hätte einen verdient, ebenso wie Sebastian Stan als Jeff. Sie alle verstehen es auf verblüffende Weise, Charaktere zu präsentieren, um die man in der Realität wohl einen sehr großen Bogen machen würde und beim Zuschauer für eben diese Charaktere Verständnis und sogar Sympathie zu wecken. Diese Menschen hatten niemals eine Chance, versuchen dennoch auf ihre nicht immer angebrachte und von Erfolg gekrönte Weise, ihre hochgesteckten Ziele zu erreichen und scheitern schließlich an dem, was Bertolt Brecht einmal so begründet hat: „Denn die Verhältnisse, die sind nicht so!“


Lauflänge Hauptfilm: 114 min (119 min BD)
Bildformat: 2,40:1
Tonformat: DD 5.1 (DTS-HD Master Audio 5.1 BD)
Sprachen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Bonus: Making-of

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Eine Antwort zu I, Tonya

  1. Laura Palmer schreibt:

    Margot Robbie – einfach nur geil!

    Gefällt 1 Person

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