Hitlers Hollywood

Land: Deutschland 2016 Regie: Rüdiger Suchsland Mit: Hans Albers, Heinz Rühmann, Zarah Leander, Ilse Werner, Marianne Hoppe, Gustav Gründgens.
Label: farbfilm / Lighthouse Veröffentlichung: 22.9.2017 FSK: 0

Eine Studie unseres Filmhistorikers Julian Dax:

„Was die Massen überzeugt, sind keine Fakten, noch nicht einmal erfundene Fakten, sondern die Konsistenz der Illusion.“ (Hannah Arendt)

Nein, das ist nicht etwa das Resümee unserer Zeit mit ihren „alternate facts“ oder „fake news“, die sich vor allem seit Trumps Präsidentschaft rasend schnell über die ganze Welt verbreiten; es ist eine Aussage über Hitlers Propagandamaschinerie, die sich vor allem des Kinos bediente, um einesteils die perverse Ideologie der Nazis unters Volk zu bringen, andererseits eben dieses Volk einzulullen. Hitlers Hollywood ist bereits der zweite Dokumentarfilm von Rüdiger Suchsland, der sich mit einem bedeutenden Kapitel der deutschen Filmgeschichte beschäftigt. Während sich „Von Caligari bis Hitler“ aus dem Jahre 2015 an Siegfried Kracauers gleichnamigem Buch orientiert und die Filme der Weimarer Republik vorstellt, konzentriert sich sein neuer Film auf die Jahre 1933 bis 1945.

Anders als im Vorgängerfilm gibt es hier keine Interviews; ab und zu flicht Suchsland Zitate ein von Hannah Arendt (s.o.), Susan Sontag und wiederum Siegfried Kracauer. Dafür kommentiert er nahezu pausenlos selbst die riesige Fülle an Originalfilmausschnitten aus jener Zeit. Über 1.000 (!) Filme entstanden in Deutschland während der Nazidiktatur, davon könne man etwa die Hälfte als reine Propagandafilme bezeichnen, der Rest sei als „Unterhaltung“ gedacht gewesen. Von berüchtigten Hetzfilmen wie Jud Süß oder Hitlerjunge Quex haben sicher die meisten Filminteressierten schon gehört, auch wenn diese Filme bei uns nach wie vor unter Verschluss gehalten werden und eine Sichtung für geschlossene Gruppen nur nach entsprechender Vorbereitung bzw. anschließender Diskussion erlaubt ist.
Natürlich wirken solche Filme, die hier ebenfalls Berücksichtigung finden, für heutige Verhältnisse entsetzlich plump und primitiv in ihrer menschenfeindlichen Ideologie, doch wäre es ein Fehler, ihnen eine entsprechende Massenwirkung abzusprechen; auch heute noch gibt es leider Zuschauer, denen es gar nicht platt und pathetisch genug zugehen kann.

Als noch perfider jedoch – und hier liegt das besondere Verdienst des Regisseurs, der sich darauf konzentriert – muss man die angeblich unpolitischen Unterhaltungsfilme bezeichnen; einesteils transportieren sie menschenfeindliche Ideologien in Form eines Melodramas, in dem z.B. Euthanasie als absolut gangbarer Weg gezeigt wird, andererseits liefern sie eskapistische Unterhaltung, wobei hier vor allem die unzähligen Revuefilme zu nennen wären, die man als eine Frühform von Musicals betrachten könnte. Sie hatten in erster Linie die Aufgabe, die Zuschauer sowohl von den Vorbereitungen auf den Krieg als auch vom Krieg selbst abzulenken. Selbst als praktisch alles schon verloren war, brachte Zarah Leander mit ihrem Lied „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ manche Menschen wohl tatsächlich dazu, doch noch an den „Endsieg“ zu glauben, auch wenn sie dieses Lied eigentlich in einem ganz anderen Kontext vorbrachte.

Schließlich war es Propagandaminister Joseph Goebbels selbst, dem die komplette Filmindustrie unterstand, der erkannt hatte, Propaganda sei nur dann wirkungsvoll, wenn sie gar nicht als solche wahrgenommen werde; und genau nach diesem Prinzip verfuhren die Filmemacher der Nazizeit. Da sie über entsprechende Mittel verfügten und auch ehrgeizig genug waren, sich an Hollywoodstandards messen zu lassen, muss man sehr vielen ihrer Machwerke denn auch neidlos eine große Professionalität zugestehen.

Hitlers Hollywood bietet demnach in 105 Minuten einen äußerst anschaulichen Überblick über Deutschlands damalige Filmlandschaft. Dabei werden zum Glück nicht nur absolute Cineasten angesprochen, sondern alle interessierten Zuschauer, die erfahren möchten, welch ungeheuere Wirkung ein Film in einem voll besetzten Kino entfalten konnte; auch und gerade im Zeitalter von YouTube und „Mäusekino“ auf dem Smartphone dürfte das für manche Zeitgenossen eine vollkommen neue Erfahrung sein.


TECHNISCHE DATEN

SPRACHE: Deutsch, Audiodeskription für Blinde und Sehbehinderte
UNTERTITEL: Englisch, Deutsch für Hörgeschädigte
LAUFZEIT: 101 Minuten
BILD: 16:9 (1:1,78)
TON: 5.1 Dolby Digital
BONUSMATERIAL: Interviews mit dem Regisseur Rüdiger Suchsland und der Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen

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Eine Antwort zu Hitlers Hollywood

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