Land: USA 2025 Laufzeit: 118 min. Regie: Yorgos Lanthimos Mit: Stavros Halkias, Jesse Plemons, Alicia Silverstone, Emma Stone Label: Plaion FSK: 16 – Ein Beitrag von Georgios Tsapanos

Der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos und seine Filme sind so eine Sache. Seit ihn sein dritter Spielfilm „Dogtooth“ (2009) dem Nebel höflichen Desinteresses entrissen hat, das dem griechischen Kino nach dem Tod Theo Angelopoulos international entgegengebracht wird, dreht er in englischer Sprache und mit vergleichsweise bekannten Stars: Colin Farrell, Rachel Weisz, Olivia Colman für „The Lobster“ (2015). Nicole Kidman, Colin Farrell, Alicia Silverstone für „The Killing of a Sacred Deer” (2017). Olivia Colman, Emma Stone, Rachel Weisz für “The Favourite” (2018). Emma Stone, Mark Ruffalo, Willem Dafoe für “Poor Things” (2023). Emma Stone, Jesse Plemons, Willem Dafoe für „Kinds of Kindness“ (2024). Alle irisch-britische Co-Produktionen. Alle stilistisch wie inhaltlich, sagen wir mal, merkwürdig.
Für Fans hat Lanthimos aus Idiosynkrasie ein Verkaufsargument gemacht. Nicht ganz so freundliche Zungen meinen, er drehe keine Filme für normales Publikum, sondern für Kritiker und Juroren, die zu feige seien zuzugeben, dass sie nicht verstünden, was sich da auf der Leinwand tut. Zumindest zweimal aber hat dieser Ausnahmeregisseur beide Lager zusammengeführt. Einmal mit „The Favourite“ und dann mit „Poor Things“, der allein elf Oscar-Nominierungen auf sich vereinigen und den Academy Award viermal einheimsen konnte. Aber schon beim nächsten Film, „Kinds of Kindness“ war die Lanthimos-Blase schon wieder unter sich – was dem Regisseur sichtlich nicht gefallen hat.
Woran man das sehen kann? An Yorgos Lanthimos jüngsten Film „Bugonia“ (2025). Niemand wird widersprechen können, dass wir es hier mit dem bisher zugänglichsten Werk des Regisseurs zu tun haben. Es gibt so gut wie keine Mätzchen mit Form und Format, die der Filmemacher sonst so neckisch findet. Und auch inhaltlich präsentiert sich eine fast lineare, lange Zeit relativ einfach nachvollziehbare Story. Das lanthimoshafteste an „Bugonia“ ist der Titel. Der setzt sich aus dem griechischen bous für Ochse und gone für Nachkommenschaft zusammen. Das Ergebnis, bougonia, heißt so viel wie Rinderzeugung und meint unter anderem den Mythos, aus verwesenden Körpern von Rindern oder Ochsen erwüchsen süße kleine Bienen. Das haben Menschen bis ins Mittelalter tatsächlich geglaubt, weshalb der Filmtitel nun darauf zielt, dass Menschen bis heute tatsächlich glauben, aus Verschwörungstheorien könne das Glück der Welt erwachsen.
Auftritt Teddy (Jesse Plemons) und Donny (Aidan Delbis). Typischer White Trash und damit die Basis von Donald Trumps Wählerschaft. Die beiden haben gehörig einen an der Klatsche, sind aber dennoch weit entfernt von ungefährlich. Weil sie überzeugt sind, die Welt würde von außerirdischen Andromedanern beherrscht und stehe kurz davor vernichtet zu werden, indem die Anführerin der Aliens bei der bevorstehenden Mondfinsternis alle Bienen tötet. Also entführen sie die Anführerin, in der Hoffnung dadurch mit den Außerirdischen ins Gespräch zu kommen, so die Welt zu retten und sie nach den Regeln des Bienenstaates aus ihrer Asche neu entstehen zu lassen. Oder so ähnlich.
Meinen Lanthimos und sein Drehbuchautor Will Tracy (dem bereits als Autor von 58 Folgen der Serie „Last Week Tonight with John Oliver“ Ehre gebührt) das ernst? Wollen sie, dass ihr Publikum das ernst nimmt? Das bleibt ziemlich lange ziemlich unklar. Sehr ernst ist die Lage in jedem Fall für Michelle Fuller, CEO eines pharmazeutischen Konzerns. Die halten Teddy und Donny nämlich für die Alien-Chefin, rasieren ihr den Kopf kahl (lange Haare sind das Kommunikationsmittel der Andromedaner) und ketten sie im Keller ihres Hauses an, wo sie vor allem von Teddy verhört wird. Gespielt wird Michelle von Emma Stone. Es ist ihr vierter Film mit Lanthimos in Folge und allein, dass sie sich die Haare für die Rolle abrasierte, beweist, wie sehr sich Star und Regisseur inzwischen vertrauen. Und wieso nicht? „Bugonia“ hat Stone ihre dritte Oscar-Nominierung für einen Lanthimos-Film eingebracht; für „Poor Things“ hat sie ihn bereits gewonnen.
Filmgeschichtlich Bewanderten wird nicht entgehen, dass Stone kahlgeschoren an Renée Jeanne Falconetti in Carl Theodor Dreyers „Die Passion der Johanna von Orleans“ (1928) erinnert. Das ist bei Lanthimos bestimmt kein Zufall, darüber hinaus aber ebenso bedeutungslos wie der Umstand, dass „Bugonia“ wenn schon kein direktes Remake, dann doch sehr stark von Jun-hwan Jeongs südkoreanischen Sci-Fi-Farce „Save the Green Planet“ (2003) inspiriert ist. Welche Haltung man selbst gegenüber „Bugonia“ einnimmt, hängt von zahlreichen Faktoren ab. Vor allem davon, ob und in wie weit man bereit ist, Lanthimos in dessen zutiefst dystopischer Sicht auf die Errungenschaften der liberalen Moderne zu folgen. Und natürlich davon, ob man bereit ist, die Prämisse des Films, und sei es nur zeitweilig und um des Argumentes Willen, zu akzeptieren. Wer dazu bereit ist, wird das „überraschende Ende“ erahnen, das allen anderen an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden darf. Alle anderen werden sich bis zum Schluss wundern, und sei es nur darüber, wie sehr der Solitär Yorgos Lanthimos auf dem Weg zum Mainstream ist.
Wie dem aber auch immer sei: „Bugonia“ zählt zu den Filmen, die gesehen haben muss, wer über den Stand des internationalen Kinos mitreden will.