Land: Argentinien, Neuseeland 2024 Laufzeit: 77 min. Regie: Luciano Onetti, Nicolás Onetti Mit: Agustin Pardella, Carlos Portaluppi, Mario Alarcon, Agustin Olcese, Jorge Lorenzo Label: Busch Media Group FSK: 18 – Ein Beitrag von Georgios Tsapanos

„1978“, der neue Film des im Trash-Horror-Genre einschlägig ausgewiesenen argentinischen Brüderpaares Luciano & Nicolás Onetti ist Torture-Porn mit Zombie-Anleihen reinsten Wassers. Aber Torture-Porn, dem ausnahmsweise ein äußerst unangenehmer Beigeschmack von Wahrheit anhaftet.
Vom 1. bis zum 25. Juni 1978 fand die Fußball-WM in Argentinien statt, dem bis dahin aus politischen Gründen umstrittensten Austragungsort. Denn obwohl Argentinien den Zuschlag bereits 1966 erhalten hatte, wurde das Land seit 1976 von einer Militärjunta unter General Jorge Videla regiert, die mit politischen Gegnern nicht zimperlich umging. Dass Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung waren, konnte bereits 1978 jeder wissen, der es wissen wollte. Berüchtigt waren Flüge übers Meer, die ohne ihre „Passagiere“ zurückkehrten Und natürlich das Gebäude der Militärakademie ESMA in Buenos Aires, das in unmittelbarer Nähe zum WM-Stadion River Plate lag und zum zentralen Folterlager im Land wurde. Als die Diktatur 1983 endete, hatte sie mindestens 30.000 Opfer gefordert; die genaue Zahl ist bis heute nicht bekannt, Die FIFA wollte von all dem nichts wissen und, wie man heute leider feststellen muss, der DFB auch nicht. Von dessen damaligen Präsidenten Hermann Neuberger und einigen namhaften Spielern sind gänzlich unappetitliche Kommentare überliefert, die zu den ganz dunklen Seiten der jüngeren DFB-Geschichte zählen.
Das ist der realistische Hintergrund, mit dem die Onettis „1978“ einleiten. Auch am Finaltag werden Menschen entführt und in den Folterkellern ihren Peinigern übergeben, die mit sadistischer Lust zu Werke gehen. Die beiden Regisseure ersparen dem Publikum wenig, aber auch wenn die Folterszenen dieses Mal historisch belegt sind, gleiten die Bilder des Films rasch ins Spekulative ab. Ihre Grausamkeit ist schließlich eines, wenn nicht das wichtigste Verkaufsargument des Genres. Dabei wendet sich der geschichtlich verbürgte Hintergrund in diesem Fall aber gegen den Film. Das Wissen, dass wirkliche Menschen diese Qualen erleiden mussten, mindert das sowieso schon zweifelhafte Vergnügen an solchen Szenen, auf das dieses zwiespältige Sub-Genre des Horrorfilms gemeinhin aber dennoch zielt.
Das müssen auch die Onettis gespürt haben, denn sie verlassen bald den Gestus des Polit-Thrillers, um sich – ihrem auch hierzulande bekannten Streifen „What the Waters Left Behind“ (2017) und dessen Fortsetzung von 2022 nicht unähnlich – dem Okkulten zuzuwenden. Die Geheimpolizei hat dieses Mal die Falschen entführt. Nein, nicht im Sinne von Unschuldigen. Schuld oder Unschuld spielten in den Folterkellern keine Rolle. Die jüngsten Opfer der Folterknechte gehören einem Kult an und als plötzlich der Strom wegbleibt und Taschenlampen zu primären Lichtquellen werden, in deren Kegel man nie sicher ist, was man wirklich gesehen hat und was einem das eigene Gehirn in Panik vorgaukelt, geht das Grauen erst so richtig los.
Aber auch wenn „1978“ am Ende seiner gnädig kurzen 80 Minuten mit seinem aufklärerischen Beginn nicht mehr viel zu tun hat, zählt er doch zu den interessanteren Werken dieser Spielart. So gibt es keine Protagonisten im klassischen Sinne, keinen Helden, keine Heldin, an deren Schicksal sich das Publikum festhalten könnte. Die Kamera folgt verschiedenen Menschen, auf Seiten der Gefolterten wie auf Seiten der Folterer. Es ist der stilistische Versuch der Filmemacher, den Charakter des kollektiven Traumas abzubilden, das jene Zeit für Argentinien bis heute darstellt. Und tatsächlich gelingt es dem Streifen auch, zwischen seinen inszenatorisch genretypischen Obszönitäten und obligatorischen Jump Scares eine stete Atmosphäre reinen Horrors aufzubauen. Deshalb zählt „1978“ zu den wichtigen Fundstücken, die die Busch Media Group auf ihrer Reise durch die Eingeweide des Kinos immer wieder ausgräbt.
Argentinien wurde 1978 übrigens Weltmeister im Endspiel gegen die Niederlande. Die holländischen Spieler verweigerten Diktator Videla den Handschlag. DFB-Präsident Neuberger hatte ein solches Verhalten für den Fall des Falles untersagt. Hat man „1978“ gesehen, ist man ganz und gar Oranje.