Die Nacht der lebenden Toten

Originaltitel: Night of the Living Dead  Land: USA 1968  Regie: George A. Romero  Dauer: 96 min.  MitDuane Jones, Judith O’Dea, Karl Hardman, Marilyn Eastman Label: Studiocanal  : 24.11.2022  FSK: 16 – Von Georgios Tsapanos

© StudioCanal

Zeigt man heutigen Jugendlichen Orson Welles Citizen Kane (1941), verstehen sie in der Regel nicht, was das ganze Bohei um das Werk soll. Sie sehen die revolutionären Innovationen des Films nicht mehr, weil diese längst nicht nur in die allgemeine Bildsprache des Kinos eingegangen sind, sondern mittlerweile entscheidend weiter entwickelt wurden. Film mag heute maßgeblich aussehen wie er aussieht, weil Citizen Kane auf der Bildfläche aufgetaucht war. Aber Citizen Kane selbst ist darüber zum altmodisch anmutenden Klassiker geraten.

Nicht unähnlich ist es dem billig produzierten ($ 114.000), zum raschen Verzehr im Drive-In des Vertrauens gedachten Granddaddy des Splatter-und-Gore-Genres ergangen: George A. Romeros Die Nacht der lebenden Toten (1968). Der Streifen ist nichts weniger als stilbildend geworden für das Sub-Genre des Zombie-Horrors. Dabei war er nicht der erste seiner Art: Bereits Ur-Dracula Bela Lugosi bekam es mit einem White Zombie (1932, Victor Halperin) zu tun. Und das definitive Wort zu den Untoten vor Romero stammte von Jacques Tourneur mit seinem von Val Lewton produzierten poetischen Meisterwerk Ich folgte einem Zombie (1943).

Alles ehrbare Klassiker einer Form, die inzwischen von Filmen wie World War Z (2013, Marc Forster) definiert wird und mit den Walking Dead (2010-22, Frank Darabont) in Serie gegangen ist. Populäre Kultur im bestverstandenen Sinn des Wortes. Lohnt da der Blick zurück, in frühere, kargere, schwarz-weiße Tage, jenseits des historischen Interesses des Kulturwissenschaftlers? Die dezidierte Antwort: Und wie!

Zuallererst: Die Nacht der lebenden Toten funktioniert nach wie vor bemerkenswert gut als genuiner Horror-Film, der von Anfang an die Ur-Ängste seines Publikums zum Klingen bringt. Das liegt am Thema, aber auch an der technischen Umsetzung. Die – natürlich dem geringen Budget geschuldete – Konzentration auf mehr oder weniger einen Schauplatz, der suggestive Einsatz von Licht und Schatten anstelle teurer Spezialeffekte, rücken Protagonisten und Handlung auf eine unmittelbare Weise näher, die fast schon wieder neuartig wirkt. Vor allem an dieser Stelle wirkt die sehr sorgfältige 4K-Restaurierung wahre Wunder.

Und dann fällt die ungeheuerliche politische Sprengkraft des Films ins Auge. Die Allegorie zum Vietnam-Krieg, der 1968 einen neuen traurigen Höhepunkt erreichte, in dem sich Menschen ebenfalls ohne Sinn und Verstand zerfleischten, liegt so nahe, dass es fast schon redundant erscheint, überhaupt darauf hinzuweisen. Darauf, dass der Held (Duane Jones), der die schöne Blonde in Nöten (Judith O’Dea) vor den sehr bleichen Weißen rettet, schwarz ist, ist es jedoch gar nicht. Das macht Romeros Film zum kleinen, großen Bruder von Norman Jewisons nur ein Jahr zuvor gestarteten In der Hitze der Nacht, in dem sich Sidney Poitier um die Ehre des weißen Mädchens kümmert. Und es öffnet den Blick in die Zukunft, zehn Jahre später, in der Romero in seinem definitiven Meisterwerk Zombie (Dawn of the Dead“, 1978) jeden Rassismus komplett aufheben wird.

Die Nacht der lebenden Toten hat sich seinen Kult-Status redlich verdient. Ebenso wie die Aufnahme in die Filmsammlung des Museum of Modern Art sowie die der Library of Congress. Zu den Merkwürdigkeiten des Films zählt, dass sich Romero nie richtig um die Rechte gekümmert hatte, weshalb er seit seiner Uraufführung Public Domain ist und es deshalb selbst auf Deutsch eine Vielzahl unterschiedlich vollständiger, unterschiedlich lohnender Versionen auf dem Markt gibt. Umso verdienstvoller ist diese Arthaus-Edition, die auf einer zweiten Disk neben vielem anderen auch die alternative Schnittfassung „Night of Anubis“ bietet. Die Eigeweihten zwinkern sich zu.


DIE NACHT DER LEBENDEN TOTEN erscheint als exklusive limitierte Collectors Edition, im 3-Disc 4K UHD Steelbook, als 2-Disc Blu-ray Special Edition sowie auf DVD und Digital in 4K.

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