Pelikanblut – Aus Liebe zu meiner Tochter

Land: Deutschland 2019  Regie: Katrin Gebbe  Mit: Nina Hoss, Katerina Lipovska, Murathan Muslu  Label: dcm Film  VÖ: 9.4.2021  FSK: 16 – Ein Beitrag von Julian Dax:

© dcm

Ein blondes engelsgleiches Mädchen, das unvermittelt zu einem wahren Satansbraten mutiert?
Es ist wohl unvermeidlich, dass vielen auf den ersten Blick die Protagonistin aus Nora Fingscheidts Systemsprenger mit dem kleinen Mädchen aus Katrin Gebbes zweitem Film Pelikanblut vergleichen werden.
Allerdings hat Gebbe etwas ganz Anderes im Sinn als das Porträt eines schwer erziehbaren Kindes.

Wiebke Landau (Nina Hoss) führt einen Reiterhof, auf dem sie gerade die Pferdestaffel einer Polizeieinheit trainiert. Sie lebt dort zusammen mit ihrer Adoptivtochter Niki (Adelia-Constance Giovanni Ocleppo), die sie aus einem bulgarischen Waisenhaus bei sich aufgenommen hat. Um ihr Glück perfekt zu machen, fehlt ihr jedoch noch ein zweites Kind, und so adoptiert sie aus demselben Heim noch die fünfjährige Raya (Katerina Lipovska). Niki freut sich zunächst einmal über die neue kleine Schwester, doch sehr schnell wird deutlich, dass irgendetwas mit der Kleinen nicht stimmt; sie hält sich nicht an gängige Spielregeln, wird plötzlich aggressiv, was sogar dazu führt, dass sie Niki beißt, und keines der Kinder im Kindergarten will mit ihr spielen. Als sie eines Nachts sogar Feuer im Zimmer ihrer Schwester legt, begibt sich Wiebke mit ihr zu einem Arzt, der nach eingehenden Untersuchungen feststellt, dass das Kind nach einem wohl entsetzlichen Erlebnis zutiefst traumatisiert und zu keinerlei positiven Empfindungen bzw. Empathie fähig ist. Doch selbst als Wiebke erfährt, was für ein unvorstellbar grausames Ereignis für das Trauma Rayas verantwortlich ist und sie bereits von mehreren Familien wieder ins Heim zurück gebracht worden ist, setzt sie alles daran, um dem Kind zu helfen. Und ihre Methoden werden immer radikaler…

Eigentlich ist eine Mischung aus Horror und Arthauskino das, was der Engländer als „strange bedfellows“ bezeichnet, also eine Kombination, die im Grunde nicht so recht zusammenpasst. Andererseits gibt es immer wieder gegenteilige Beispiele, vor allem, wenn Drehbuch und Regie Horror nicht als immergleiche Abfolge bereits zigfach gesehener Elemente verstehen. Bereits mit ihrem ersten Spielfilm Tore tanzt, der bereits gewisse Grenzen auslotete, hat Katrin Gebbe gezeigt, dass sie nicht gewillt ist, ausgetretene Pfade zu beschreiten, und mit Pelikanblut verstärkt sich dieser Eindruck noch.

Allein schon die Idee, die Handlung auf einem eigentlich idyllisch erscheinenden Reiterhof anzusiedeln, kann man als wahren Meisterstreich bezeichnen, denn umso beklemmender empfindet man die Eskalation der zunächst einmal unerklärlichen Ereignisse. Zudem wird auch Wiebkes Charakter auf subtile Art erkennbar; unter den Polizeipferden befindet sich auch der traumatisierte „Top Gun“, den Wiebke mit Geschick und viel Einfühlungsvermögen behandelt. Allerdings gewinnt man den Eindruck, dass auch diese Frau in ihrem Inneren eine nicht ganz ausgeheilte Verletzung mit sich trägt. Das wird besonders erkennbar in ihren Reaktionen auf die Annäherungsversuche eines sympathischen Polizisten (Murathan Muslu), die zwischen Erwiderung und Ablehnung schwanken.

Natürlich steht und fällt Pelikanblut mit seinen Darstellern, und in dieser Hinsicht bieten sowohl Nina Hoss als auch die beiden Kinder eine wahrhafte Meisterleistung; vor allem die kleine Katerina Lipovska spielt derart überzeugend, dass man Nikis Frage an ihre Mutter „Hast du auch Angst vor ihr?“ absolut nachvollziehen kann.

Womit allerdings nicht alle Zuschauer einverstanden sein dürften, ist das Ende; wie bereits erwähnt, entschließt sich Wiebke zu immer radikaleren Methoden, um Raya zu helfen, ganz so wie die mythologische Pelikanmutter, die sich selbst die Brust aufreißt, um mit dem eigenen Blut ihre toten Jungen wieder zum Leben zu erwecken. An dieser Stelle verlässt der Film den Bereich des logisch Erklärbaren und wandelt sich zu einem veritablen Horrorfilm.

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Eine Antwort zu Pelikanblut – Aus Liebe zu meiner Tochter

  1. Stepnwolf schreibt:

    Klingt zumindest interessant genug, um mir den Film mal zu merken. Und mit Christian Petzolds alter Muse Nina Hoss kann man ja auch wenig falsch machen.

    Gefällt 1 Person

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