The Vigil – Die Totenwache

Land: USA 2019  Dauer: 86/90 min.  Regie: Keith Thomas  Mit: Dave Davis, Lynn Cohen, Malky Goldman  Label: Eurovideo  : 11.2.2021  FSK: 16 – Ein Beitrag von Julian Dax:

© Eurovideo

Obwohl einer der ersten in die Filmgeschichte eingegangenen Werke, Paul Wegeners 1920 entstandener Der Golem, wie er in die Welt kam, einen jüdischen Mythos zum Thema hat, gibt es bis heute nicht allzu viele Filme aus dem Horror-Genre, die sich auf das Judentum beziehen. Ein auch bei uns gelaufenes Beispiel dafür ist  Possession – Das Dunkle in dir aus dem Jahr 2012, in dem es um einen sog. Dibbuk geht, einen bösen Geist, der sich Menschen bemächtigen kann.

Um einen anderen Dämon aus der jüdischen Mythologie geht es in The Vigil – Die Totenwache, dem Erstlingsfilm von Keith Thomas, dem es mit relativ sparsamen Mitteln gelingt, eine unheilvolle Atmosphäre zu gestalten, vor allem aber einen nachdenkenswerten Subtext einzubauen.

Hauptfigur ist Yakov Ronen, ein junger Mann, der dabei ist, sich von seiner streng-orthodoxen jüdischen Gemeinde in Brooklyn zu lösen. Regelmäßig nimmt er an einer Gesprächsgruppe teil, die aus Gleichgesinnten besteht. Eines Tages bittet ihn sein alter Rabbiner, für ein verstorbenes Gemeindemitglied die Totenwache zu übernehmen, und da er Yakovs finanzielle Sorgen kennt, bietet er ihm dafür eine Geldsumme an, die dieser – trotz anfänglicher Weigerung – nicht ablehnen kann. Bei dem Verstorbenen handelt es sich um einen Überlebenden von Buchenwald, dessen angeblich unter Demenz leidende Frau Yakov als Totenwächter schlichtweg ablehnt, bevor sie sich in ihr Schlafzimmer im ersten Stock zurückzieht. Der tote Herr Litvak ist im Wohnzimmer augebahrt, mit einem Laken bedeckt und von Kerzen umgeben.

Dazu muss man wissen, dass nach jüdischer Vorstellung jemand, der erst kürzlich verstorben ist, durch die Anwesenheit eines sog. „Schomers“ davor bewahrt werden soll, einem der zahlreichen bösen Geister, die dem noch nicht Begrabenen nachstellen, zum Opfer zu fallen. Jedenfalls merkt Yakov sehr schnell, dass irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugeht; er hört Geräusche, hat Visionen, die auch seine eigene Vergangenheit betreffen, und seine Angst steigert sich immer mehr. Von Frau Litvak, die keineswegs dement ist, erfährt er, dass ein sog. „Mazzik“ sich ihren verstorbenen Mann als Opfer ausgesucht hat. Dieser ganz besondere Dämon, dessen Kopf stets nach hinten gewandt ist, ernährt sich quasi von den schlimmen Erinnerungen eines Menschen. Nur mit einem von Frau Litvak zur Verfügung gestellten Gebetsriemen nimmt Yakov den Kampf gegen den Mazzik auf…

Man sollte schon etwas bewandert sein in der Geschichte des Judentums, wenn man sich The Vigil anschaut, denn es gibt keine detaillierten Angaben, z.B. zur Funktion eines Gebetsriemens. Und auch der Ortsname Buchenwald sollte dem Zuschauer geläufig sein. Darüber hinaus bietet dieser Horrorfilm für intelligente Menschen jedoch 90 Minuten lang eine Lektion, wie man auch ohne drastische Horroreffekte Spannung und Interesse erzeugt.

Nach einem kurzen Prolog spielt die Handlung ausschließlich in dem spärlich ausgeleuchteten Haus der Litvaks, durch das sich die suggestiv geführte Kamera bewegt, untermalt von einer ständigen bedrohlichen Klangkulisse. Vor allem aber gelingt es dem Film, auch das eigentliche Thema einzubauen; es geht um den nach wie vor virulenten Antisemitismus, denn sowohl Litvak als auch Yakov schleppen furchtbare Schuldgefühle mit sich herum, enstanden aufgrund ihres eigenen Verhaltens, das ihnen von judenfeindlichen Mitmenschen aufgezwungen wurde und jeweils in die Katastrophe führte. Oder, wie es Frau Litvak formuliert, dass sowohl ihr Mann als auch ihr Großvater, über dessen Schicksal sie ebenfalls berichtet, „von Erinnerungen gebrochen“ worden sind und daher besonders geeignete Opfer des Mazzik. Und da sie von Anfang an erkannt hat, dass auch Yakov von schlimmen Ereignissen aus seiner Vergangenheit heimgesucht wird, befürchtete sie, dass er seiner Aufgabe als Schomer nicht gerecht werden könne.

Als Fazit dieses bemerkenswerten Filmes muss man festhalten, dass The Vigil  absolut ungeeignet ist für Zuschauer, die unter einem gelungenen Horrorfilm doofe Teenies verstehen, die wahlweise von einem psychopathischen Killer oder unsterblichen Monster möglichst explizit abgeschlachtet werden. Wer jedoch die Theorie zu schätzen weiß, dass übernatürlich erscheinende Phänomene ihre Wurzeln in real vorhandenem Schrecken besitzen, dem sei The Vigil ausdrücklich empfohlen.

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