Irreversible – The Straight Cut

Land: Frankreich 2002  Regie: Gaspar Noé  Mit: Vincent Cassel, Monica Bellucci & Albert Dupontel  FSK: 18  Label: Studiocanal  : 10.12.2020 – Ein Beitrag von Julian Dax:

© Studiocanal

Bei seiner Premiere im Jahre 2002 in Cannes löste Gaspar Noés Irreversible einen veritablen Skandal aus: Ca. 200 Zuschauer verließen vorzeitig den voll besetzten Saal, andere brachten ihren Unmut laut zur Sprache, nur eine ganz kleine Minderheit applaudierte am Ende.
Dabei irritierten und schockierten wohl nicht nur die in dieser Drastik bisher kaum gezeigten Brutalitäten; es war auch die Idee des Regisseurs, die Geschichte rückwärts laufen zu lassen und als „Filmmusik“ von der ersten Einstellung an eine infernalische Toncollage zu verwenden, was zusätzlich an den Nerven der Zuschauer zerrte.

Achtzehn Jahre später kann man sich vom verstörenden Potenzial von Irreversible erneut überzeugen, diesmal allerdings mit dem Zusatz versehen The Straight Cut, was nichts anderes bedeutet, als dass Noé selbst den Film vollkommen umstrukturiert hat und die dargestellten Ereignisse diesmal in der chronologisch richtigen Reihenfolge erzählt. Zu dieser neuen Schnittfassung äußert sich Noé folgendermaßen. „Zu Beginn als Bonusmaterial für den Blu-ray Release des Remasters entworfen, war diese neue „umgekehrte“ Fassung zu meiner Überraschung stark genug, um sie mit der Originalversion eines solch zweiteiligen Werkes in die Kinosäle und auf diversen anderen Medien zu bringen. Diese Erfahrung ist umso aufregender, weil mir nichts Vergeleichbares bekannt ist, weder in der Kinobranche noch in der Literatur. Kein Werk, das in dieser Weise zweifach ausgeschöpft wurde.“

Dabei entsteht allerdings ein gewisses Dilemma, zumindest für denjenigen, der das Original kennt, denn es ist im Grunde genommen müßig zu spekulieren, welche nun die „bessere“ ist. Was man jedoch beim Anschauen der nun in der richtigen Reihenfolge erzählten Geschichte auf jeden Fall feststellen kann, ist die Tatsache, dass man nun als Zuschauer bei Weitem nicht den Grad an völliger Desorientierung erfährt, wie das im Falle des Originals geschieht; nach dem kurzen Prolog – nun Epilog –  in dem zwei Männer, einer davon nackt, in einem Zimmer auf einem Bett sitzen und reden, stürzt sich die entfesselte Kamera in kreisenden und schlingernden Bewegungen direkt in die Hölle darunter. In diesem Fall ist es ein Sado-Maso-Club für Schwule mit dem bezeichnenden Namen „Rectum“. Dort wird man Zeuge, wie zwei herein stürmende Männer auf der Suche nach einem Gast eine üble Schlägerei anzetteln, in deren Verlauf einer der beiden einem Mann mit dem unteren Ende eines Feuerlöschers das Gesicht vollkommen zerschlägt. Während jedoch solch eine Tat in der Regel bei anderen Filmen eine Art Höhepunkt bilden soll, bei dem nicht nur der Protagonist, sondern auch der Zuschauer – je nach Disposition – entweder ebenfalls Befriedigung fühlt, weil der Übeltäter seiner „gerechten“ Strafe zugeführt wird oder aber sich entsetzt abwendet, weil ihm sein moralischer Kompass sagt, dass Rache auf weite Sicht nichts bringt, ist es in diesem Fall ganz anders. Da der Zuschauer absolut keine Ahnung hat, was der Grund für diese unvorstellbar grausame Attacke ist, bleibt lediglich ein diffuses Gefühl von Unbehagen.

Wer sind diese Männer? Warum tun sie das? Was genau ist dem vorausgegangen? Diese wichtigen Fragen bleiben zunächst einmal unbeantwortet, denn erst im weiteren Verlauf setzt sich das Puzzle immer mehr zusammen, um am Ende in einer Idylle im Parkanzukommen, musikalisch untermalt von Beethovens 7. Symphonie.

Der Straight Cut beginnt nun mit eben dieser Idylle und setzt sich fort mit einer Liebesszene im Bett, in der wir Alex (Monica Bellucci) und Marcus (Vincent Cassel) als frisch verliebtes Paar kennen lernen. Sie warten auf Alex‘ Ex-Freund Pierre (Albert Dupontel), der sie immer noch liebt, um mit ihm zusammen eine Party zu besuchen. Auf dieser Party sieht man, dass Marcus ein im Grunde gefühl- und hemmungsloser Idiot ist, was letztlich dazu führt, dass Alex die Party allein vorzeitig verlässt. Auf der Straße stehen Prostituierte, woran man erkennen kann, dass es keine besonders gute Gegend ist. Und als Alex eine Unterführung benutzt, um auf der anderen Seite der breiten Straße ein Taxi zu nehmen, wird sie überfallen, vergewaltigt und unvorstellbar brutal von einem Typen zusammengeschlagen.

Es ist vor allem diese ca. 10-minütige Sequenz, die man bis zum heutigen Tag nur mit Mühe durchstehen kann. Praktisch ohne Veränderung der Kameraeinstellung und Schnitt wird man hilfloser Zeuge der ebenso hilflosen Frau, und auch wenn man wegschaut, verfolgt einen das schreckliche Wimmern des Opfers.

Was folgt, kennt man aus unzähligen sog. „Rape-Revenge Movies“: Marcus und Pierre sehen, was passiert ist und stürzen sich blindlings in ihren Rachefeldzug. Auch wenn der wesentlich rationalere Pierre versucht, Marcus zur Vernunft zu bringen, macht er schließlich doch mit und sie begeben sich ins „Rectum“, wo sie sich den vermeintlich Schuldigen vornehmen.

Natürlich kann man sich auch in dieser Version dem Sog des Geschehens kaum entziehen, doch diesmal folgt alles dem bereits aus anderen sog. „rape/revenge“-Filmen (Death Wish, I Spit On Your Grave, Lipstick) bekannten Verlauf, die in der Originalfassung permament bestehende Anspannung beim Versuch alles zusammenzusetzen geht verloren.

Da sich StudioCanal jedoch zum Glück entschieden hat, Irreversible nun sowohl als DVD als auch Blu-ray jeweils in beiden Versionen zu veröffentlichen, kann jeder für sich entscheiden, welche ihn mehr beeindruckt. Wer den Film noch gar nicht kennt, sollte allerdings tatsächlich zunächst einmal die Originalfassung einlegen, denn solch eine Erfahrung macht man beim Anschauen eines Filmes nicht so schnell wieder.

Dieser Beitrag wurde unter Drama abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.