Unhinged – Außer Kontrolle

Land: USA 2020  Regie: Derrick Borte  Spielzeit: 86/90 min.  Mit: Russell Crowe, Caren Pistorius, Gabriel Bateman, Anne Leighton, Jimmi Simpson  Label: Leonine  : 27.11.2020  FSK: 16 – Ein Beitrag von Julian Dax:

© Leonine

Im Jahre 1971 drehte ein gerade einmal 25jähriges Regietalent namens Steven Spielberg seinen ersten Spielfilm. Der ursprünglich für das Fernsehen gedachte Streifen trug den Titel Duell, und genau darum geht es darin auch. Ein namenloser Durchschnittsbürger besteigt in Anzug und Krawatte sein Auto und fährt zur Arbeit. Unterwegs erregt er aus nichtigem Grund den Zorn eines ebenso namenlosen Truckers, der in einem wahren Monstertruck sitzt, und es kommt zu einem aberwitzigen Kampf um Leben und Tod, der ausschließlich auf der Straße ausgetragen wird. 

Nun erscheint mit Unhinged – Außer Kontrolle eine Art Update von Spielbergs nach wie vor ultra spannendem und vor allem von sämtlichem Ballast befreiten Thriller. Und – wie könnte es anders sein – widersteht Regisseur Derrick Borte der Versuchung leider nicht, seinen Film gehörig aufzupumpen, nach dem Motto: lauter, schneller, spektakulärer, brutaler.

Rachel (Caren Pistorius) ist eine junge Frau, die momentan nicht nur eine private Krise zu bewältigen hat, sondern gleich mehrere; sie ist dabei, sich scheiden zu lassen, ihre Mutter befindet sich in einem Pflegeheim, das Rachel nicht mehr bezahlen kann, ihr nichtsnutziger jüngerer Bruder hat sich mitsamt Verlobter bei ihr und ihrem kleinen Sohn Kyle einquartiert. Zudem hat sie wieder einmal verschlafen. Entsprechend gereizt reagiert sie auf den morgendlichen Stau, als sie Kyle zur Schule fährt. Und so bedient sie aggressiv die Hupe, als ein großer Pickup vor ihr trotz grüner Ampel nicht fährt. Und tut damit genau das Falsche, denn der bullige Fahrer (Russell Crowe, beinahe bis zur Unkenntlichkeit aufgedunsen und fett) befindet sich in einer psychischen Ausnahmesituation und hat nichts mehr zu verlieren. Und so beschließt er, Rachel eine, seiner Meinung nach, notwendige Lektion in guten Manieren zu erteilen…

Bereits die Anfangsszene ist symptomatisch für das, was folgt: Es ist eine regnerische Nacht. Ein bulliger Mann sitzt in seinem Wagen und beobachtet ein Haus. Dann steigt er mitsamt Axt und Benzinkanister aus, geht zur Haustür und beginnt sie einzuschlagen. Lichter gehen an, Stimmen werden laut, der Mann betritt das Haus. Schreie, weitere Axthiebe, der Mann verlässt das Haus, das kurz darauf in Flammen steht, geht langsam zurück zu seinem Wagen und steigt ein. Fast erwartet man als Zuschauer eine Einblendung mit der Information „24 Stunden vorher“ oder so ähnlich, aber was wie der Höhepunkt eines vorangegangenen Konflikts aussieht, ist eigentlich tatsächlich nur der Anfang.

Während Spielberg seinerzeit die Ereignisse in Duell jederzeit in einem realistischen Rahmen spielen ließ, liegt so etwas wie Realismus Unhinged vollkommen fern, denn bereits nach kürzester Zeit verabschieden sich Drehbuch und Regie vollkommen davon und bieten immer abstrusere und unglaubwürdigere Wendungen, mitsamt Logiklöchern, die so groß sind, dass Crowes namenloser Protagonist bequem mit seinem Pickup durchpassen würde. Auch wenn man solche offensichtlichen Schlampereien außer Acht lässt, dass sein zweites Fluchtfahrzeug trotz diverser Karambolagen immer noch makellos aussieht, lässt sich beim besten Willen nicht übersehen, dass der Psychopath immer mehr zu einem unüberwindlichen, übermenschlichen Wesen mutiert, dem praktisch so gut wie nichts und niemand etwas anhaben kann.

Allerdings kommt man nicht umhin, Russell Crowe für seinen Mut zu bewundern; nicht nur hat er sich seine Pfunde sichtbar angefressen – ein sog. „fat suit“ jedenfalls sieht anders aus – er schreckt auch nicht davor zurück, in seiner Rolle extreme Gewalt gegenüber Frauen und Kindern anzuwenden, ohne sich im Geringsten um sein Image Sorgen zu machen. Wer also gewillt ist, Logik Logik sein zu lassen, bekommt hier – neben einer rasanten Hetzjagd – auch eine vollkommen uneitle Darstellung eines Oscar-Preisträgers zu sehen. Und immerhin bekommt man Lust, mal wieder Duell anzuschauen.

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