Königin

Originaltitel: Dronningen  Land: Dänemark 2019   Dauer: 124 min.  Regie: May el-Toukhy  Mit: Trine Dyrholm, Gustav Lindh, Magnus Krepper  Label: Eurovideo  : 8.10.2020  FSK: 16 – Ein Beitrag von Julian Dax:

© Eurovideo

Spätestens seit Lars von Triers etwas anderer Krankenhaus-Serie Geister aus dem Jahr 2007 hat sich das kleine Dänemark als große Filmnation etabliert.

Ob Kinofilme oder Fernsehserien – Kenner wissen sowohl deren Vielfalt als auch vor allem die hohe Qualität zu schätzen, die z.B. in Borgen, Darkness, Die Erbschaft oder nun Königin erkennbar wird, dem diesjährigen dänischen Beitrag als „Bester fremdsprachiger Film“  für den Academy Award.

Anne (Trine Dyrholm) ist eine äußerst angesehene und erfolgreiche Anwältin, die sich auf Familienrecht spezialisiert hat und zu deren Klienten zum großen Teil missbrauchte Frauen und Mädchen gehören. Sie ist verheiratet mit Peter (Magnus Krepper), einem ebenfalls erfolgreichen Arzt, und beide sind Eltern von Zwillingsmädchen. Die Familie bewohnt ein schmuckes Haus am Rande eines Waldes, mitsamt einem idyllischen Badesee ganz in der Nähe.

Doch diese scheinbar perfekte kleine Welt erfährt eine massive Störung, als Peters 16-jähriger Sohn Gustav (Gustav Lindh) aus einer früheren Verbindung erscheint. Dessen Mutter in Schweden fühlt sich mit der Erziehung des rebellischen jungen Mannes überfordert und nun sollen sich Peter und Anne um ihn kümmern., was nach einigen Startschwierigkeiten auch ganz gut zu funktionieren scheint; vor allem die Zwillinge schließen Gustav sehr schnell ins Herz. Doch auch Anne findet Gefallen an ihm, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes; nach einem zunächst harmlos erscheinenden Flirt begibt sie sich eines Nachts – Peter ist abwesend – in Gustavs Zimmer, wo es auf ihre Initiative hin zum Sex kommt. Und von da an ist nichts mehr so, wie es war, und das Schicksal – oder sollte man besser sagen Unheil – nimmt seinen unaufhaltsamen Lauf…

Das muss man sich erst einmal trauen! Sowohl Trine Dyrholm, die mittlerweile neben Isabelle Huppert nicht nur zu den bekanntesten, sondern auch zu den furchtlosesten europäischen Schauspielerinnen gehört sowie ihr junger Filmpartner erscheinen gerade in dieser für einen sog. „Mainstream-Film“ durchaus pornographisch zu nennenden Szene sehr authentisch und völlig unverklemmt, was zunächst einmal schockierend auf den Zuschauer wirken mag. Nach dem ersten Schock allerdings fängt er an sich zu fragen, was diese stets so beherrscht und selbstbewusst  auftretende Frau dazu treibt, sich plötzlich derart hemmungslos zu präsentieren. Oder geschieht das – zumindest aus ihrer Sicht – gar nicht so plötzlich und unerwartet?

Einer der vielen Pluspunkte von Königin liegt darin, dass das kluge Drehbuch keinerlei Erklärungen für ihr Verhalten anbietet. Vielleicht ist es eine Art Überdruss an ihrem allzu geordneten Leben? Eine Midlife-Crisis? Fühlt sie sich von ihrem Ehemann vernachlässigt? Ist sie einfach nur scharf auf einen wesentlich jüngeren Mann? In einer früheren Szene sieht man, wie sie sich nackt im Spiegel betrachtet, und ihrer Mimik und Gestik kann man entnehmen, dass sie sich selbst immer noch durchaus attraktiv findet. Es gibt keine klare Antwort auf all diese Spekulationen, und genau das macht auch den Reiz des Filmes aus und trägt zu dessen Wahrhaftigkeit bei; im wahren Leben gibt es schließlich auch nicht immer die eine logische Erklärung für so manche getroffene Entscheidung, die nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.

Es versteht sich von selbst, dass die Affäre nicht unentdeckt bleibt, doch soll an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden, welche Konsequenzen sich für alle Beteiligten aus ihrem Verhalten ergeben. Und nach der letzten Szene wirkt der Film noch sehr lange nach und lädt zu Diskussionen über das Gesehene geradezu ein.

Mit ihrem erst zweiten Spielfilm erweist sich die junge Regisseurin May el-Toukhy als glänzende Erzählerin, denn es gelingt ihr, aus einer gar nicht mal besonders originellen Konstellation eine äußerst provokative, fesselnde sowie zum Glück auch noch politisch völlig unkorrekte Geschichte zu erzählen. Europäisches Kino, wie es besser kaum geht!

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