Marlon Brando – Der versilberte Rebell. Eine Biographie

Autor: Jörg Fauser  Verlag: Diogenes, Mai 2020  Umfang: Hardcover, Leinen, 288 Seiten  ISBN: 978-3-257-07093-4  Preis: € (D) 24.00 / sFr 32.00* / € (A) 24.70, E-Book: € (D) 20.99 / sFr 27.00* / € (A) 20.99 – Ein Beitrag von Julian Dax:

© Diogenes

„Ich habe in Brando immer einen Rebellen gesehen – eine sicher naive Betrachtungsweise; was ist schon ein Rebell? In einer Welt, in der es von Revolutionären nur so wimmelt, ist der Rebell der Mann von gestern, der Konservative. Mag sein. Bei so vielen Menschen von heute wirkt auch die Erde wie von gestern, und wie Brando halte ich es im Zweifelsfall mit der Erde.“

Soweit Jörg Fauser selbst in seiner 1978 erstmalig erschienenen Marlon Brando – Biographie Marlon Brando  Der versilberte Rebell, die der Diogenes Verlag nun in einer Neuauflage veröffentlicht.

Es verwundert nicht, dass sich Fauser von Brando angezogen fühlte, galt er doch selbst ebenfalls als enfant terrible der deutschen Literaturszene: Nach Abitur, abgebrochenem Studium, jahrelanger Heroinabhängigkeit und Kontakten zur Frankfurter Hausbesetzerszene, begann er bereits früh mit dem Verfassen von literarischen Texten und schrieb u.a. auch Lieder für Achim Reichel.

Am Abend seines 43. Geburtstags wurde er in betrunkenem Zustand von einem LKW überfahren und getötet, als er versuchte, eine Autobahn zu überqueren.

In ihrem bereits in der Ausgabe von 1978 erschienenen Essay, das sich auch hier wieder findet, schreibt Brigitte Kronauer: „Fauser arbeitet Brandos riskante, aggressive Verweigerungen gegenüber dem Establishment in allen Ausprägungen auf jeder Stufe seiner Entwicklung heraus. Er selbst kann hier, als Schriftsteller, nur verbal in die rebellischen Fußstapfen Brandos treten. Das allerdings tut er mit Mut und Überzeugungskraft.“

Das Buch ist in 14 relativ übersichtliche Kapitel eingeteilt, deren Titel in chronologischer Reihenfolge für die entscheidenden Abschnitte in Brandos Leben stehen und die Bedeutung seiner wichtigsten Filme kommentieren. Und so entsteht das Bild einer äußerst zerrissenen Persönlichkeit, eines Schauspielers, der so gut wie immer versuchte, seine künstlerischen Visionen zu verwirklichen, möglichst ohne größere Kompromisse. „Hollywood wird von Furcht und Geldliebe beherrscht. Aber es kann mich nicht beherrschen, weil ich mich vor nichts fürchte und das Geld nicht liebe.“ Soweit Brandos Fazit nach seinem ersten Hollywood-Besuch – zu dem er übrigens mit dem Zug aus New York anreiste, obwohl man ihm Flugtickets zur Verfügung gestellt hatte.

Immer wieder scheint im Verlauf des Buches Fausers Bewunderung für einen Mann durch, mit dem er wohl eine Art von Seelenverwandtschaft empfunden hat, wobei er jedoch auch nicht mit Kritik spart, wenn es etwa um seiner Meinung nach falsche Rollenentscheidungen geht: „Abgesehen von seiner Fresssucht kann Brando mit Lastern, scheint’s, nicht dienen, was nicht heißt, dass dieser Superstar, dieses Idol einer rebellischen Jugend, nicht auch für Skandale gesorgt hätte. Aber seine Skandale waren weitgehend nicht privater Natur, sondern bezogen ihren Zündstoff aus Brandos Rebellion gegen die Machtstrukturen der Industrie, in der er arbeitete, der Chefs, die sie beherrschten, und der Meinungen, die sie bildete – Brandos Schlagzeilen gehörten nicht nur der Vermarktung der Intimsphäre von Flimmerstars, sondern waren auch das Ergebnis von gewaltsamen Reibungen und Steinschlägen in einem Bereich von Realität, wo Hollywood sich immer unter der Gürtellinie getroffen fühlt (und entsprechend reagiert); der Politik, der Ideologie und dem Geld.“

In einem der letzten Kapitel, in dem es um Bernardo Bertoluccis Der letzte Tango in Paris geht, beschreibt Fauser die Atmosphäre hinter den Kulissen mit einer Mischnung aus Faszination und Amüsement: „Brando hatte der jungen, unerfahrenen Schauspielerin (gemeint ist seine Partnerin Maria Schneider) auf seine eigene Art die Aufwartung gemacht. Er lud sie vor Beginn der Dreharbeiten zum Essen ein, setzte sich mit ihr an die Bar des Restaurants und bat sie, ihn eine halbe Stunde schweigend anzublicken. Wahrscheinlich wusste Old Bud nicht, dass die Schneider eine Marihuanakettenraucherin war und es zum Standardrepertoire eines durchschnittlichen Kiffers gehört, stundenlang seinen großen Zeh anzustarren; jedenfalls riss Maria diese halbe Stunde aus dem Stand ab und hatte sich damit Marlons uneingeschränkten Respekt erworben. Was die Sex-Szenen betraf, fand sie ohnehin nichts dabei; Bertolucci war in ihren Augen verklemmt und Brando ´von den Hüften runter ein alter Mann´, der sie ´gar nicht antörnte´.“

Auch wenn es bereits eine ganze Reihe fundierter Brando-Biographien gibt, lohnt sich die Lektüre von Jörg Fausers Der versilberte Rebell auf jeden Fall, denn es ist die mit Abstand persönlichste und literarisch geschlffenste.


Eine Leseprobe gibt es hier bei Diogenes-Verlag.

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