Freies Land

Land: Deutschland 2019  Regie: Christian Alvart  Dauer: 118 min.  Mit: Trystan Pütter, Felix Kramer, Nora Waldstätten Label: Eurovideo  : 23.7.2020  FSK: 16 – Ein Beitrag von Julian Dax:

© Eurovideo

2014 entstand unter der Regie von Alberto Rodriguez der Thriller La isla minima – Mörderland, der in der Zeit angesiedelt ist, als Spanien versuchte, nach Jahrzehnten der Franco-Diktatur eine Zeitenwende einzuführen.
Freies Land, dessen Drehbuch sich relativ eng an die Vorlage hält, kann man als eine Art deutsche Version betrachten: angesiedelt in Mecklenburg-Vorpommern im Jahre 1992, schildert der Film, in dessen Mittelpunkt scheußliche Verbrechen, begangen an halbwüchsigen Mädchen, stehen, wie die Bewohner eines namenlosen Dorfes versuchen, mit der für sie völlig neuen Situation der Wiedervereinigung umzugehen.

Der aus dem Westen strafversetzte Kommissar Patrick Stein (Trystan Pütter) soll, zusammen mit dem ehemaligen Stasi-Offizier Markus Bach (Felix Kramer), das Verschwinden von zwei Schwestern aufklären, die nach einem Volksfestbesuch nicht mehr nach Hause gekommen sind. Dabei stoßen die beiden vollkommen gegensätzlichen Polizisten auf eine regelrechte Mauer des Schweigens seitens der ebenso abweisenden wie zutiefst misstrauischen Dorfbewohner. Nachdem man die beiden Mädchen tot und grausam verstümmelt gefunden hat, wird der Fall allmählich klarer, und die Ermittler müssen feststellen, dass die zwei Schwestern keineswegs die ersten Opfer eines  offensichtlich sadistischen Psychopathen sind.

Regisseur Christian Alvert, der auch am Drehbuch beteiligt war, vor allem aber auch als Kameramann fungierte, gelingt mit Freies Land ein Film, den man nicht unbedingt als typisch deutsche Produktion einordnen kann. Während hier nach wie vor die strenge Trennung zwischen möglichst klamaukiger Massenware einerseits und absolut kopflastiger „Kunst“ andererseits herrscht, traut sich Alvart an einen Genrefilm, der sich nicht so leicht einordnen lässt. Im Verlauf seines Films gewinnt man zunehmend den Eindruck, die Krimihandlung sei für ihn eher nebensächlich; worum es ihm eigentlich geht, ist die Darstellung völliger Trostlosigkeit, in der die hoffnungslos überforderten Charaktere versuchen, irgendwie zu überleben. Und das schließt auch die beiden Polizisten ein.

Stein, dessen Frau jeden Moment ein Kind erwartet, kann nur von einer Telefonzelle vor dem makaber benannten „Hotel Fortschritt“ mit ihr kommunizieren, wobei ihr Verhältnis nicht unbedingt als harmonisch bezeichnet werden kann. Und Bach leidet offensichtlich an einer nicht näher bestimmten Krankheit, was man an Blut im Urin und Tabletten erkennen kann. Und auch seine Stasi-Vergangenheit scheint immer wieder durch.

Neben diesen beiden Figuren spielt allerdings vor allem der Schauplatz die dritte – vielleicht sogar wichtigste – Hauptrolle. Verstärkt durch zahlreiche faszinierende Luftaufnahmen, erkennt man eine urwüchsige, menschenleere Landschaft aus Flussläufen, Teichen, Wäldern, Wiesen und ein paar Straßen dazwischen. Hier scheint niemals die Sonne, das Licht erscheint stets diffus, die Farben sind verblasst. Und die bevorzugten Örtlichkeiten sind z.B. eine heruntergekommene VEB-Fabrik, ein Schrottplatz oder diverse primitive Behausungen. So viel geballte Trostlosigkeit hat man schon lange nicht mehr gesehen und die vom damaligen Kanzler Helmut Kohl versprochenen „blühenden Landschaften“ könnten nicht weiter weg sein.

Während La isla minima – Mörderland mit ähnlich dichten atmosphärischen Mitteln arbeitet, manches im Dunkeln lässt und so auf eine normale Laufzeit kommt, braucht Alvart immerhin 130 Minuten für seine Version –  und das ohne zusätzliche Erklärungen oder Ergänzungen, wobei man manchmal den Eindruck gewinnt, weniger wäre eventuell mehr gewesen. Doch auch dieser Umstand schmälert die Qualität von Freies Land als eigenständiges und eigenwilliges Meisterwerk nicht. Wen die Aussicht nicht schreckt, von einem Film mal wieder so richtig niedergedrückt zu werden, ist hier jedenfalls richtig.

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