Judy

Land: GB 2019  Regie: Rupert Goold  Dauer: 118 min.  Mit: Renée Zellweger, Finn Wittrock, Rufus Sewell, Michael Gambon, Jessie Buckley  Label: Universal  : 14.5.2020  FSK: 12 – Ein Beitrag von Julian Dax:

© Universal

„Somewhere Over The Rainbow“ gehört wohl zu den ikonischsten Liedern des 20. Jahrhunderts, doch die Frau, die es ursprünglich in dem Film „The Wizard Of Oz“ in jungen Jahren gesungen hat, ist heutztage weitaus weniger präsent als diese Hymne an die Hoffnung.
Es ist Judy Garland – Sängerin, Schauspielerin, Entertainerin und nicht zuletzt Schwulenikone, die im Alter von nur 47 Jahren bereits 1969 starb. Judy von Rupert Goold, basierend auf dem Theaterstück „End Of The Rainbow“ von Peter Quilter, erzählt die Geschichte ihres letzten großen Triumphes, sechs Monate vor ihrem Tod.

Judy Garland (Renee Zellweger) scheint am Ende ihrer Kräfte zu sein. Der einstige Hollywood-Superstar ist auf Auftritte in schäbigen Clubs angewiesen, um sich und ihre beiden jüngsten Kinder irgendwie über die Runden zu bringen. Als ihr wegen Mietrückständen das Apartment gekündigt wird, begibt sie sich widerstrebend zum Haus ihres Ex-Mannes und Vaters der beiden Kinder, Sidney Luft (Rufus Sewell), damit wenigstens diese untergebracht sind, auch wenn sie weiß, dass ihre Chancen, das Sorgerecht unter diesen Umständen zu bekommen, eher gering sind;  Vernunft und vor allem Mutterliebe überwiegen.

Da erscheint ihr das Angebot aus Großbritannien für ein fünf-wöchiges Engagement im angesagten Londoner Nachtclub „Talk Of The Town“ wie Rettung in letzter Sekunde. Zwar leidet sie – neben ihrer Tablettensucht – auch an massiven Selbstzweifeln in Bezug auf ihre Fähigkeiten,solch eine Konzertreihe durchzustehen, doch wird sie in London sowohl hinter als auch vor der Bühne von so viel Enthusiasmus begrüßt und getragen, dass sie sich zusammenreißt und ihre Auftritte – von wenigen Ausnahmen abgesehen – mit Bravour über die Bühne bringt. Und das verleiht ihr derart viel Elan, dass sie sogar eine weitere Ehe – ihre fünfte – mit dem jüngeren Pianisten Mickey Deans (Finn Wittrock) eingeht. Doch letztlich ahnt sie, dass diese Auftritte wohl ihre letzten sein werden…

Rupert Goold kommt vom Theater, und das merkt man seiner Regie auch an, doch in diesem Fall ist es nicht unbedingt von Nachteil, denn die Geschichte, die er erzählt, ist nun einmal sehr theatralisch; in Rückblenden sehen wir die kleine Judy (Darci Shaw) zum Zeitpunkt der Dreharbeiten von „The Wizard Of Oz“, der aus ihr einen Star machte. Wir lernen ihren Partner Mickey Rooney kennen, ihre strenge, allgegenwärtige Aufpasserin und natürllich Louis B. Mayer, den legendären Studioboss. Vor allem werden wir Zeuge einer Kindheit, die gar keine war; schon als Kind erhielt Judy diverse Tabletten verabreicht, zu denen Schlaftabletten, Aufputschmittel und Diätpillen gehörten. Gerne würde sie bei einem Fototermin herzhaft in einen Hamburger beißen, doch auch das verbietet das Studio. Und ihre schöne Geburtstagstorte ist lediglich eine Attrappe und dient ebenfalls lediglich als Requisit für ein Foto. Man ist entsetzt und deprimiert, was hier einem Kind angetan wurde, das lediglich als Produkt betrachtet und fürs Leben gezeichnet blieb von Neurosen und Süchten, die Judy Garland niemals verlassen würden.

Natürlich steht und fällt Judy mit seiner Hauptdarstellerin, und Renee Zellweger, die man eine ganze Weile nicht mehr im Kino gesehen hat, spielt und singt sich wahrhaftig die Seele aus dem Leib. Es ist einer dieser Fälle, in dem eine Schauspielerin nicht nur einen bekannten Charakter spielt, sondern zu diesem Charakter wird; jeder Blick, jede Geste, jede Bewegung ihres Körpers lässt den Zuschauer geradezu schmerzhaft erahnen, was diese Frau alles hat erdulden müssen und wie viel Kraft es sie gekostet haben muss, gegen ihr schlimmes Schicksal anzukämpfen, ohne es sich allzu sehr anmerken zu lassen.

In einer rührenden Szene sieht man, wie sie zwei Fans – einem schwulen Paar – in deren Wohnung folgt, wo sie gemeinsam etwas zu essen zubereiten. Man bekommt den Eindruck, wie herzlich und natürlich sie gewesen sein muß, wenn sie sich unbeobachtet fühlte und nicht nur fremdbestimmt. Gleichzeitig wird einem auch klar, warum die internationale Schwulengemeinde ausgerechnet sie zu ihrer Schutzpatronin erkoren hat, sahen sich doch viele in der Zeit vor dem Kampf gegen Diskriminierung und Kriminalisierung in einer ähnlich ausweglosen Situation. Nicht zuletzt daher stammt auch die Entscheidung, die Regenbogenflagge als Zeichen internationaler Solidarität zu wählen.

Besonders erfreulich ist die Tatsache, dass auch die Academy anerkannt hat, welch phänomenale Leistung Renee Zellweger mit ihrem unglaublich intensiven Porträt dieser Ausnahmekünstlerin liefert und ihre Darstellung mit einem Oscar für die Beste Weibliche Hauptrolle 2019 ausgezeichnet hat.

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