ZeroZeroZero

Land: Frankreich 2019  Laufzeit: 114/119 min.  Regie: Stefano Sollima, Leonardo Fasoli, Mauricio Katz  Mit: Andrea Riseborough, Gabriel Byrne, Dane DeHaan, Adriano Chiaramida, Giuseppe De Domenico, Harold Torres Label: Studiocanal  : 7.5.2020 – Ein Beitrag von Julian Dax:

© Studiocanal

Ab einem bestimmten Zeitpunkt im Leben hat man oft den Eindruck, beim Anschauen von Filmen oder Serien könne einen nichts mehr überraschen, da man doch so ziemlich alle Variationen des Erzählten bereits kennt.

Umso größer ist dann die Überraschung, wenn man auf eine Serie wie ZeroZeroZero stößt, die einen mit ihrer schieren Größe und Wucht regelrecht umhaut.

 

In acht Episoden zu jeweils ca. 60 Minuten erzählen die drei Regisseure Stefano Sollima, Leonardo Fasoli und Mauricio Katz im Grunde genommen gleich drei Geschichten über den internationalen Drogenhandel, die jedoch unmittelbar zusammenhängen: Irgendwo in den unwegsamen Dörfern Kalabriens lernen wir den alten Mafioso Don Minu (Adriano Chiaramida) kennen, der aus seinem Versteck heraus nach wie vor die Geschäfte leitet, auch wenn ihn sein ehrgeiziger Enkel Stefano (Giuseppe De Domenico) lieber heute als morgen beerben würde. Diese Gruppe wird mit der Überschrift „Die Käufer“ eingeführt.

Szenenwechsel. Im mexikanischen Monterrey herrscht das Kartell der Brüder Leyra mit brutaler Gewalt. „Die Verkäufer“ besitzen uneingeschränkte Macht, die korrupte Polizei schützt sie, und nur eine militärische Eliteeinheit stellt sich ihnen in den Weg. Zumindest solange, bis deren Anführer Manuel (Harold Torres) auf die Idee kommt, die Seiten zu wechseln und sich dem Leyra-Kartell anzudienen. Doch dabei verfolgt er ganz eigene Ziele..

Schließlich gibt es da noch in New Orleans die alteingesessene Reederfamilie Lynwood, „Die Vermittler“, zuständig für den Transport. Edward (Gabriel Byrne) ist der Patriarch, unterstützt wird er hauptsächlich von seiner Tochter Emma (Andrea Riseborough), während er seinen Sohn Chris (Dane De Haan) möglichst rauzuhalten versucht, leidet der doch an einer unheilbaren, stetig voranschreitenden Muskelerkrankung.

Nachdem alle drei Handlungsstränge bereits in der ersten Episode eingeführt worden sind, entwickelt sich ein sehr spannendes, äußerst dichtes Panorama,in dem man Zeuge wird eines Transports von 5.000 Kilogramm Kokain, das den Zuschauer nicht nur im Wechsel auf verschiedene Kontinente führt, sondern auch die jeweiligen Charaktere aller drei Geschichten möglichst eindringlich darstellt, wobei man sich niemals sicher sein kann, wie sich diese entwickeln, denn allesamt werden sie durchaus widersprüchlich gezeichnet.

So ist Manuel, der wohl unheimlichste Charakter der Serie, einesteils ein gnadenloser Vollstrecker, der sich nicht scheut, unschuldige Menschen zu ermorden, andererseits ist er von einer tiefen Frömmigkeit erfüllt und kümmert sich zudem rührend um die hochschwangere Frau eines ehemaligen Kameraden.

Und der anfangs so unbedarfte wie ungeschickte Chris überrascht nicht nur seine Schwester, sondern auch den Zuschauer im Laufe der acht Episoden, indem er Dinge tut, die man ihm niemals zugetraut hätte, ohne jedoch gleich wie ein Superheld zu wirken.

Um zusätzliche Spannung zu schaffen, bedient sich Zero Zero Zero immer wieder eines raffinierten Tricks; eine Szene bricht quasi mittendrin ab, es folgt einer der anderen Handlungsstränge. Erst nach einer Weile kehr das Geschehen wieder zurück, wobei man diesmal die Ereignisse, die zu dieser überraschenden Entwicklung geführt haben, erst im Nachhinein erfährt. Dazu ein Beispiel: die Geschwister Lynwood sind gezwungen, mit ihrer Fracht den gefährlichen Umweg über Mali zu nehmen und geraten in die Hände von Dschihadisten (Episode 5: „Das Gesetz der Scharia“). Während Emma und ihre Begleiter festgenommen werden, zieht man Chris gewaltsam aus dem Wagen und verschleppt ihn irgendwohin. Als er wieder auftaucht, ist er gekleidet wie ein Araber und sitzt hinterm Steuer. Was ist passiert? Die Handlung setzt noch einmal bei seiner Verschleppung ein und erzählt erst jetzt die ganze Geschichte, diesmal aus seiner Perspektive.

Dieses multiperspektivische Erzählen mag nun einige Zuschauer überfordern, andere mögen sich an den zahlreichen Brutalitäten stören, die in allen drei Handlungssträngen reichlich vorhanden sind, doch geschieht hier nichts zum Selbstzweck; bei der Komplexität der Handlung verbietet sich ein braves chronologisches Abfilmen der Ereignisse, und das viele Blutvergießen unterstreicht lediglich die menschenverachtende Gnadenlosigkeit, die in diesem Geschäft üblich ist. Und als „Belohnung“, dass man solch schlimmen Szenen überstanden hat, winken immer wieder grandiose Landschaftsaufnahmen, aus der Luft gefilmt.

Ganz gleich, ob jemand auf die Idee kommt, eine zweite Staffel zu drehen – der Schluss deutet solch eine Möglichkeit zumindest an – auch für sich allein stehend ist Zero Zero Zero in jeder Beziehung ein Meisterwerk.

P.S. Und wenn sie sich fragen sollten, was der seltsame Titel bedeutet – mit einer dreifachen Null bezeichnet man reinstes Kokain.

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3 Antworten zu ZeroZeroZero

  1. movieserienaddict schreibt:

    Autor Roberto Saviano und Regisseur Stefano Sollima – eine perfekte Mischung.
    Beide verantworteten unter anderem die ebenfalls geniale Serie „Gomorrha“.

    LG
    Stephan

    Gefällt 1 Person

  2. Liegeradler schreibt:

    Steht ja auf der Blu-ray drauf…

    Gefällt 1 Person

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