Die verlorene Tochter

Land: D 2019  Mit: Henriette Confurius, Claudia Michelsen, Hildegard Schmahl, Nina Gummich, Götz Schubert, Christian Berkel, Max von der Groeben, Rick Okon  Label: edel:motion  FSK: 12  : 14.2.2020 – Ein Beitrag von Julian Dax:

© edel:motion

„Kukident-Sender“, wahlweise auch „Schnarch-Sender“ – das waren zwei noch eher harmlosere Begriffe, mit denen viele das ZDF lange Jahre bedacht haben. Und bei Serien wie den aktuell immer noch laufenden Der Staatsanwalt, Der Bergdoktor oder gar Traumschiff ist dieser Spott auch nicht ganz unbegründet. Doch das ZDF ist durchaus in der Lage, sich neu zu orientieren; zunächst verblüfften die Mainzelmänner (und natürlich auch Frauen!) bereits vor etlichen Jahren als Co-Produzenten diverser grimmiger skandinavischer Krimiserien, und nun gelingt ihnen eine spannende und abgründige eigenständige Mini-Serie mit dem Titel Die verlorene Tochter.

Was geschah vor 10 Jahren in einer Sommernacht während einer Schulfeier des Gymnasiums von Lotheim? Es war die Nacht, in der Isa (Henriette Confurius), die reiche Tochter des örtlichen Brauereibesitzers, spurlos verschwand und trotz intensiver Fahndung nicht wieder auftauchte. Von der Familie bereits längere Zeit für tot erklärt, taucht Isa nun wieder auf, kann sich jedoch laut eigener Aussage überhaupt nicht an die Ereignisse jener Nacht erinnern. Und wieder stürzt sie sehr viele Bewohner des Ortes in Zweifel, weckt unliebsame Erinnerungen, bringt das nach außen hin geordnete und idyllische Leben der kleinen Stadt gehörig in Unordnung. Neue Gerüchte machen die Runde: Kann sich Isa wirklich nicht erinnern? War vielleicht damals alles nur inszeniert, weil sie die Enge ihrer Familie nicht mehr ertragen konnte? Wer ist der geheimnisvolle Franzose, mit dem sie regelmäßig telefoniert? Wo war sie überhaupt die letzten 10 Jahre? War sie tatsächlich der Engel, zu dem manche sie nach ihrem Verschwinden stilisiert hatten?

Das Besondere an Die verlorene Tochter ist der Umstand, dass jede einzelne der sechs Episoden mit Szenen der Schulfeier vor zehn Jahren  beginnt, wobei sich jedoch von Mal zu Mal gewisse Akzente und Perspektiven verschieben und dem Zuschauer eine Art Puzzle liefern, dessen Einzelteile er selbst zusammensetzen soll. Zum Glück verliert man als Zuschauer jedoch niemals den Faden (und die Geduld!), sondern folgt den vom Drehbuch angelegten Spuren. Dabei wird auch schnell deutlich, dass die Serie nicht nur einen geheimnisvollen Kriminalfall erzählen will, sondern ein Sittenbild vom Leben in einer angeblichen Kleinstadtidylle präsentiert – mit all den unausgesprochenen Wünschen und Begierden, der Verlogenheit und letztlich auch dem verbrecherischen Treiben hinter der Fassade des angesehenen Bürgertums.

Da ist zunächst einmal der mächtige Clan der Brauereidynastie von Gems, vertreten durch die undurchsichtige Patriarchin Lore (Hildegard Schmahl), Firmenchef Heinrich (Christian Berkel), dessen alkoholsüchtige Frau Sigrid (Claudia Michelsen), deren ehrgeizigen Sohn und Isas Bruder Philip (Rick Okon). Und wie in jeder mächtigen Familie gibt es auch hier jede Menge Lügen und Geheimnisse. Weitere Figuren, die von Isas Rückkehr in ihrer Existenz teils erschüttert, teils sogar bedroht werden, sind der Ex-Polizist Peter Wolff (Götz Schubert), der aus Verzweiflung darüber, den Fall Isa seinerzeit nicht gelöst zu haben zum Alkoholiker wurde, Isas Jugendfreund und Wolffs Sohn Robert (Max von der Groeben) sowie dessen Frau Jenny (Nina Gummich). Und auch einige Honoratioren haben Grund zur Sorge.

Dreh-und Angelpunkt bleibt dabei stets Isa, von Henriette Confurius absolut brilliant verkörpert. Vor allem auch in den Szenen, in denen sie mit ihrem eigenen jüngeren Ich spricht und so nicht nur den Verdacht nährt, sie sei geistesgestört, sondern auch einige bittere Wahrheiten geäußert werden, bringt sie es fertig, dass man sie gleichermaßen bemitleidet und ablehnt.

So entwickelt die Serie von Episode zu Episode einen ungeheueren Sog, der den Zuschauer bis zum bitteren Ende mitreißt. Und auch wenn die Auflösung zwar folgerichtig erscheint, entlässt Die verlorene Tochter den Zuschauer doch mit einigen unbeantworteten Fragen, deren wichtigste wohl darauf hinausläuft, ob man etwas tatsächlich ungeschehen machen kann, ganz gleich, wie sehr man es bereut.

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