Aniara

Land: Schweden 2018  Regie: Pella Kågerman und Hugo Lilja  Label: Euro Video  : 13.2.2020  FSK: 12 – Ein Beitrag von Julian Dax:

© Eurovideo

Was haben 2001 – Odyssee im Weltraum, Solaris, Arrival oder Ad Astra gemeinsam? Richtig – alle gehören zwar dem Science Fiction – Genre an, doch keiner ist an Weltraumschlachten oder außeriridischen Monstern interessiert; im Mittelpunkt steht in allen Fällen ausnahmslos der Mensch in all seiner Widersprüchlichkeit in Bezug auf sich und seine Umgebung.

Und in diese illustre Gruppe darf sich nun auch der schwedische Film Aniara von Pella Kagerman und Hugo Lilja einreihen.

Nachdem die Erde in einer unbestimmten nahen Zukunft aufgrund von Umweltkatastrophen unbewohnbar geworden ist, treten ca. 5000 Menschen ihre Reise in eine neue Heimat an; Ziel ist der Mars, als Transportmittel dient das riesige Raumschiff ANIARA, das seine Passagiere in drei Wochen an ihr Ziel bringen soll. Das Innere des Raumschiffes ähnelt  eher einem luxuriösen Einkaufszentrum, mit Geschäften, Vergnügungsmöglichkeiten aller Art sowie einem Schwimmbad. So kann der Kapitän auch voler Stolz verkünden: „Wir haben unseren eigenen kleinen Planeten gebaut.“ Eine ganz besondere Attraktion bildet dabei MIMA, eine Art Holodeck – Fans von Star Trek – TNG wissen, wovon die Rede ist – wo eine künstliche Intelligenz das Bewußtsein der Besucher anzapft und ihnen möglichst angenehme Bilder einer einst idyllischen Erde vorgaukelt. Doch zu Beginn der Reise hat Mimaroben oder MR, wie sie auch genannt wird (Emelie Jonsson, ein wahres Kraftpaket von Darstellerin), die für diesen Raum Verantwortliche, Mühe, Interessenten in diesen Raum zu bitten; die meisten Passagiere wollen keine Erinnerungen, seien sie noch so schön, sondern sich lieber dem angebotenen Konsum hingeben.

Kurz nach dem Start jedoch trifft ein im All treibendes Stück Weltraumschrott die Treibstofftanks der ANIARA und bringt sie vom eigentlichen Kurs ab. Um eine Explosion zu verhindern, sieht sich der Kapitän gezwungen, sämtlichen Treibstoff abzulassen, was das Schiff zwar vor größerem Schaden bewahrt, es jedoch vollkommen manövrierunfähig macht. Eine ebenso lange wie ungewisse Reise beginnt…

Bisher ist Schweden zwar als Lieferant äußerst düsterer Krimis in Erscheinung getreten, nicht jedoch unbedingt düsterer Science Fiction. Doch gleich beim ersten Versuch kann man nur von einem Volltreffer sprechen.  Dabei konnten die Macher sogar auf bereits vorhandenes Material zurückgreifen; im Jahre 1956 verfasste der schwedische Autor und spätere Nobel-Preisträger Harry Martinson ein gleichnamiges Vers-Epos, der Stoff wurde 1960 bereits einmal filmisch umgesetzt,  und es existiert sogar eine Opernfassung von einem gewissen Karl-Birger Blomdahl. Ganz zu schweigen von den zahlreichen Prog-Rock Alben, die der Stoff ebenfalls inspiriert hat.

Hauptfigur und Dreh-und Angelpunkt von Aniara ist MR, eine zunächst einmal unscheinbare Frau, die pflichtbewußt ihrer Aufgabe an Bord nachgeht. Doch sobald sie feststellen muss, dass irgendetwas mit MIMA nicht in Ordnung ist – immer häufiger durchleben die Besucher Alpträume anstatt idyllischer Bilder – scheut sie sich nicht, sich gegen die Anweisungen des Kapitäns zu stellen, um das ihrer Meinung nach Richtige zu tun.

Aniara ist in einzelne verschieden lange Kapitel eingeteilt, in denen man Zeuge wird der unterschiedlichsten Entwicklungsstufen der Passagiere. Da die Grundversorgung gesichert scheint, versuchen die Menschen an Bord, ihre immer länger werdende Reise erträglicher zu gestalten, und das reicht dann von eher harmlosen Ideen, wie z.B. einem neuen Tanz, bis hin zu kultartigen Vereinigungen inklusive einer Massenorgie, in deren Verlauf sogar ein erigierter Penis in Großaufnahme zu sehen ist. (In diesem Zusammenhang erscheint es absolut aberwitzig, dass der Film bei uns eine Altersangabe ab 12 Jahren bekommen hat. Dabei geht es in erster Linie gar nicht einmal um nackte Körper – die dem gesamten Film zugrunde liegende unglaublich düstere und pessimisische Grundstimmung ist beim besten Willen nicht für jugendliche Zuschauer gedacht und geeignet)

Jedenfalls erreicht diese Studie menschlicher Verhaltensweisen in Extremsituationen ihren absoluten Tiefpunkt, als der Kapitän ein kritisches Besatzungsmitglied kurzerhand exekutiert, damit sie nicht länger die Passagiere aufwiegelt.

Vergleicht man Aniara mit einer Hollywood-Produktion wie Passengers, in dem es ebenfalls um ein im Weltraum treibendes Raumschiff auf seiner unendlichen Reise geht, merkt man sehr schnell, wie realistisch, um nicht zu sagen schonungslos der schwedische Film nicht nur mit seinen Protagonisten, sondern auch mit seinen Zuschauern umgeht. Insofern erscheint eine Warnung angebracht: Auch wenn Aniara sowohl in technischer Hinsicht als auch, was die grimmige Unerbittlichkeit seines Abstiegs in die menschliche Seele betrifft, den Zuschauer absolut packt, ist es auch gleichzeitig schwer, manche der Bilder wieder loszuwerden.

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Eine Antwort zu Aniara

  1. Stepnwolf schreibt:

    Klingt auf jeden Fall vom Inhalt her recht spannend.

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