Knives Out – Mord ist Familiensache

Land: USA 2019  Regie: Rian Johnson  Dauer: 130 min.  Mit: Daniel Craig, Chris Evans, Ana de Armas, Jamie Lee Curtis, Michael Shannon  Kinostart: 2.1.2020  FSK: 12 – Ein Beitrag von Julian Dax:

© Universum/Concorde

Es gibt sie tatsächlich noch, sogar in Hollywood!
Filme, die nicht auf möglichst spektakuläre Spezialeffekte setzen, sondern mit einem spektakulär originellen Drehbuch und einer spektakulär guten Besetzung aufwarten können.

Und wenn solch ein Film mit dem Titel Knives Out – Mord ist Familiensache auch noch das Kinojahr 2020 bei uns eröffnet, besteht eindeutig noch Hoffnung.

Harlan Thrombey (Christopher Plummer) ist ein äußerst erfolgreicher Autor von Kriminalromanen, der unmittelbar nach seinem 85. Geburtstag von seiner Haushälterin tot aufgefunden wird; seine Kehle ist durchschnitten, das blutige Messer befindet sich noch in seiner Hand. Zwar sieht das eindeutig nach Selbstmord aus, doch hinterlässt sein gewaltsamer Tod doch eine ganze Reihe Fragen – beginnend damit, dass es doch eine eher unübliche Form von Selbsttötung darstellt. Die beiden ermittelnden Polizeibeamten knöpfen sich daher zunächst einmal all die Mitglieder der weitverzweigten Thrombey-Sippe vor, die sich auf dem hochherrschaftlichen Anwesen des Autors befinden. Die älteste Tochter Linda (Jamie Lee Curtis) betreibt zusammen mit ihrem schmierigen Gatten Richard (Don Johnson) ein erfolgreiches Unternehmen, und beide sind Eltern eines unangenehm arroganten und schnöseligen Sohnes namens Ransom (Chris Evans). Harlans jüngerer Sohn Walt (Michael Shannon) leitet den Buchverlag, in dem die Romane seines Vaters erscheinen, kann jedoch seinen alten Herren offensichtlich nicht zufriedenstellen. Auch ist es sowohl ihm als auch seiner Frau entgangen, dass deren merkwürdiger Sohn sich in rechtsradikalen Chatrooms herumtreibt. Vervollständigt wird die Familie noch von der verwitweten Schwiegertochter Joni (Toni Collette), die einen in finanziellen Schwierigkeiten steckenden Vertrieb von alternativen Kosmetika vertreibt, jedoch dringend auf finanzielle Unterstützung des Schwiegervaters angewiesen ist, um ihrer Tochter die teure Privatschule zu ermöglichen.

Nicht zur Familie gehört zwar Harlans Pflegerin und Vertraute Maria Cabrera (Ana de Armas), doch wird sie, wie es zumindest anfangs scheint, von allen Thrombeys als wertvolle Hilfe und somit quasi als zur Familie gehörend angesehen. Jedenfalls scheint es niemanden zu stören, dass keiner so recht weiß, aus welchem südamerikanischen Land sie illegal in die USA eingewandert ist. Nicht zu vergessen, findet sich auch noch der geheimnisvolle Privatdetektiv Benoit Blanc (Daniel Craig) auf dem Anwesen ein und behauptet, er sei von einem ihm unbekannten Klienten beauftragt worden, den wahren Mörder zu ermitteln, da dieser mysteriöse Klient nicht an einen Selbstmord glaube.

Was nun folgt ist ein ebenso spannender wie höchst unterhaltsamer sog. „whodunit“, an dem selbst Großmeisterin Agatha Christie ihre helle Freude hätte…
Man weiß gar nicht, womit man mit seinem Lob anfangen soll. Alle Darsteller, bis hin zu den absoluten Nebenfiguren, sind erstklassig, und man wünscht sich, dass Toni Collette oder Jamie Lee Curtis noch mehr zu tun hätten, denn obwohl der Film ca. 130 Minuten dauert, kommt er einem derart kurzweilig vor, dass man den Figuren gerne noch länger zuschauen und zuhören möchte. Das führt automatisch zum höchsten Lob des vorliegenden Drehbuchs, von dem Don Johnson sagt: „So ein  Drehbuch findet man nicht alle Jubeljahre, so ein Drehbuch findet man eigentlich nie.“ Witzig, fintenreich, spannend und letztlich sogar gesellschaftskritisch – man kann die Begeisterung aller Akteure sehr gut nachvollziehen. Und vor allem im Falle von Daniel Craig und Chris Evans – neben Ana de Armas den beiden eigentlichen Hauptfiguren – spürt man geradezu, mit welch einer Begeisterung sie Figuren erschaffen, die ihrem eigentlichen Leinwandimage zuwiderlaufen. In der Originalversion spricht Craig mit einem dicken Südstaatenakzent und erinnert zudem in kleinen Manierismen an solch bekannte Vorläufer wie Hercule Poirot. James Bond jedenfalls könnte nicht weiter weg sein.

Und auch in Chris Evans‘ Porträt eines zutiefst unsympathischen Parasiten, der in seiner Überheblichkeit glaubt, über allem und jedem zu stehen, erinnert absolut gar nichts an den wohl edelsten und moralischsten aller Superhelden – Captain America – wobei man immer den Eindruck hat, wie sehr Evans es genießt zu zeigen, dass er in erster Linie eben  Schauspieler ist, kein Filmidol.

Letztlich muss man auch Ana de Armas – die übrigens demnächst mit Craig im neuen Bond zu sehen ist – bestätigen, dass sie absolut überzeugend agiert und die Zuschauer lange Zeit in Unwissenheit darüber lässt, ob sie nun in die Kategorie unschuldiges Opfer oder raffinierte Täterin einzustufen ist.

Mit Knives Out – Mord ist Familiensache beweist Regisseur und Autor Rian Johnson jedenfalls, dass er wesentlich mehr kann, als nur im Auftrag von Disney ein weiteres Star Wars-Kapitel zu inszenieren – der vielfach gescholtene Die letzten Jedi stammt von ihm – sondern als ein sehr eigenständiger und origineller Filmemacher bestehen kann. Und wenn er selbst erklärt: „Ich wollte einen modernen und unterhaltsamen Film machen voller Hinweise und Fährten und Komplikationen und undurchschaubarer Familiendynamiken“, so kann man ihm nur noch dazu gratulieren, dass ihm genau das gelungen ist.

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4 Antworten zu Knives Out – Mord ist Familiensache

  1. steffelowski schreibt:

    Der Beitrag macht richtig Lust auf den Film 😊 Danke und einen guten Rutsch

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  2. Julian Dax schreibt:

    Gern geschehen und ebenfalls alles Gute für 2020!

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  3. movieserienaddict schreibt:

    Mir beweist diese Kritik dieses neuen Rian Johnson-Films, die beinahe deckungsgleich ist mit fast allen Kritiken, egal ob beruflich oder als Hobby geschrieben, die ich gelesen habe, dass der Regisseur Rian Johnson ein Regisseur ist für originäre Filme.

    Von seinem „Die letzten Jedi“ bin ich teilweise begeistert. Würde es sich bei diesem „Star Wars“-Film nicht um die Fortsetzung der Skywalker-Saga handeln, sondern stattdessen um einen Teil seiner eigenen „Star Wars“-Trilogie, die er ja angeblich machen darf, dann würden sehr, sehr viele Menschen „Die letzten Jedi“ viel, viel besser bewerten, finde ich.

    LG
    Stephan

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  4. Stepnwolf schreibt:

    Sollte ich wohl doch mal auf meine Kino-Watchlist setzen, nach den bisher durchweg nur positiven Kritiken…

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