Nur eine Frau

Land: D 2019  Regie: Sherry Hormann Mit: Almila Bagriacik, Meral Perin, Rauand Taleb, Armin Wahedi, Mürtüz Yolcu, Mehmet Atesci, Aram Arami, Merve Aksoy, Jacob Matschenz, Idil Üner   Label: NFP  : 24.10.2019  FSK: 12 – Ein Beitrag von Julian Dax:

© NFP

 

Wer auch immer als Erster den unsäglichen Begriff „Ehrenmord“ verwendet hat, sollte spätestens nach dem Anschauen von Sherry Hormanns Nur eine Frau öffentlich Abbitte leisten, denn mit „Ehre“ hat die geplante und kaltblütig begangene Tötung einer unschuldigen Person absolut nichts zu tun; es ist nichts Anderes als ein abscheuliches, menschenverachtendes Verbrechen aus niedrigen Beweggründen.
Hatun Aynur Sürücü (Almila Bagriacik, ungeheuer intensiv!) lebt mit ihren acht Geschwistern sowie ihren strenggläubigen Eltern in Berlin. Sie fügt sich zunächst einmal widerspruchslos, als sie mit einem ihr unbekannten Cousin verheiratet wird, dem sie in die Türkei folgt. Doch bereits nach wenigen Monaten steht die hochschwangere junge Frau wieder vor der elterlichen Wohnung, da sie die körperlichen Misshandlungen ihres Mannes nicht länger ertragen will. Bis auf ihren ältesten Bruder, der selbst so etwas wie ein Außenseiter innerhalb der Familie ist, stößt ihre Rückkehr jedoch weitestgehend auf Unverständnis und Ablehnung.

Nach der Geburt ihres Sohnes wird die Lage für Aynur noch hoffnungsloser, und so entschließt sie sich zu einem Schritt, der sie aus ihrer unerträglichen Situation befreit; sie sucht sich eine eigene Wohnung, macht eine Lehre, geht aus und lernt neue Freundinnen und Männer kennen. Sie weiß zwar, dass sie sich damit gegen sämtliche Traditionen ihrer Familie stellt und sich selbst in Gefahr bringt, doch ihr Freiheitsdrang ist größer. Und schließlich wird ihr jüngster Bruder vom Rest der Familie dazu erkoren, die „Ehre“ wieder herzustellen.

Bereits von Anfang an wird deutlich, wie die Geschichte ausgeht; es ist Aynur selbst, die aus dem Off ihre Familie vorstellt und dabei auch erwähnt, dass sie für ihr „Vergehen“ mit dem Leben bezahlen muss. Und das tut sie in einem äußerst nüchternen, zum Teil sogar schnoddrigen Ton, der jegliches Selbstmitleid ausklammert. Überhaupt muss man dem Film zugute halten, dass er an keiner Stelle versucht, auf die Tränendrüse zu drücken, sondern die Geschichte so objektiv wie nur möglich darzustellen, was jedoch keineswegs bedeutet, dass einen Nur eine Frau emotional nicht packt. Ganz im Gegenteil – als Zuschauer schwankt man ständig zwischen Bestürzung, Trauer und Wut angesichts der fassungslos machenden Ereignisse bzw. deren Hintergründe.

Basierend auf Recherchen in ihrem persönlichen Umfeld, Gerichtsakten, bislang unveröffentlichten Gesprächen mit Familienmitgliedern, Freundinnen und Freunden Aynurs und der bis heute im Zeugenschutzprogramm befindlichen Kronzeugin entwirft der auf Tatsachen beruhende Film das authentische Bild einer lebenshungrigen, mutigen und freiheitsliebenden jungen Frau, die darum kämpft, selbstbestimmt leben zu können. Doch die Deutsche mit türkisch-kurdischen Wurzeln befindet sich im ständigen Konflikt zwischen den althergebrachten Werten ihrer Familie und ihrer eigenen Lebensplanung.

Und auch wenn er im Wesentlichen von der nur als sensationell zu bezeichnenden Leistung von Hauptdarstellerin Almila Bagrriacik getragen wird, muss man Nur eine Frau stets bescheinigen, dass ausnahmslos alle Darsteller ihre Charaktere durchaus vielschichtig anlegen und sie somit niemals als bloße Klischeefiguren erscheinen. Somit kann man sich dem Resümee der Zeitschrift Filmdienst nur anschließen, das da lautet: „Nur eine Frau strahlt eine rohe Kraft aus und kommt mit großer Wucht daher. (…) Ein intensiver, auf allen Ebenen gelungener, ebenso engagierter wie sensibler Film.“


Inhalt:
Hauptfilm + Bonus – Audiokommentar mit Almila Bagriacik, Sandra Maischberger und Sherry Hormann / Interviews mit Almila Bagriacik, Sandra Maischberger und Sherry Hormann, Kinotrailer
Ton: Dolby Digital 5.1
Sprachen: Deutsch, Deutsch für Sehgeschädigte
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Bild: 16:9 (1,85:1)
Länge: 93 Minuten

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Eine Antwort zu Nur eine Frau

  1. Stepnwolf schreibt:

    Erzählt anscheinend im Kern die gleiche Geschichte, wie Feo Aladags „Die Fremde“.
    https://stepnwolf.wordpress.com/2017/06/07/52filmsbywomen-die-fremde-von-feo-aladag/
    Nur mit anderem Ausgang. Sollte ich mir mal für die Watchlist vormerken, auch um Vergleiche ziehen zu können.

    Gefällt 1 Person

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