Gelobt sei Gott

Land: F 2019  Regie: Francois Ozon  Dauer: 137 min.  MitMelvil Poupaud, Denis Ménochet, Swann Arlaud, Éric Caravaca, François Marthouret   Kinostart: 26.9.2019  FSK: 12 – Ein Beitrag von Julian Dax:

© Pandora

Francois Ozon bleibt auch mit seinem neuesten Film Gelobt sei Gott seinem Ruf als einer der vielseitigsten und unberechenbarsten Regisseure treu. Nachdem er im Laufe der Jahre solch unterschiedlichen Genres, wie z.B. Farce (Sitcom), Melodrama (Angel), Tragödie (Die Zeit die bleibt) oder Psycho-Thriller (Der andere Liebhaber) absolut souverän in den Griff bekommen hat, fehlen ihm eigentlich nur noch ein Western und ein Horrorfilm.
Obwohl man, streng genommen, Gelobt sei Gott auch als Horrorfilm verstehen könnte, auch wenn er sich genau an vorgegebene Tatsachen hält.

Juni 2014. Der gut situierte Banker Alexandre (Melvil Poupaud), gläubiger Katholik, liebender Ehemann und Vater von fünf wohl geratenen Kindern, wird nach Jahrzehnten des Schweigens tätig. Als Kind wurde er mehrfach von dem vor allem in der Jugendarbeit tätigen Pater Bernard Preynat missbraucht. Nachdem er erfahren hat, dass besagter Pater nach wie vor in der Jugendarbeit tätig ist, sucht er die Aussprache mit dem zuständigen Kardinal Barbarin von Lyon. Die Aussprache findet zwar statt, doch Alexandre muss erkennen, dass die Kirche absolut kein Interesse hat, irgend etwas Konkretes zu unternehmen, auch wenn der Kardinal im persönlichen Gespräch zu verstehen gibt, wie sehr er die damaligen Vorfälle bedauert.

Auch wenn die Missbrauchsfälle aus den 80er Jahren längst verjährt sind, erstattet der empörte Alexandre dennoch Anzeige bei der Polizei, und er tut sogar noch mehr; bei seinem späten Kampf findet er noch weitere ehemalige Missbrauchsopfer; auch Francois (Denis Ménochet) und Emmanuel (Swann Arlaud) leiden immer noch an den Traumata, die sie davongetragen haben, auch wenn sie völlig unterschiedlich damit umzugehen versuchen. Jedenfalls setzen sie alle eine Kettenreaktion in Gang, die die katholische Kirche in Zugzwang bringt und an deren vorläufigem Ende auch entsprechende Gerichtsurteile zur Folge hat.

Gelobt sei Gott sorgte bereits bei seiner Uraufführung im Rahmen der Berlinale 2019 für Schlagzeilen, denn die Anwälte von Kardinal Barbarin, der wegen Vertuschung mit auf der Anklagebank saß, wollten eine Vorführung aufgrund des schwebenden Verfahrens verhindern. Zum Glück hatten sie jedoch keinen Erfolg und der Film erhielt auf diese Weise sogar noch mehr Aufmerksamkeit.

Eigentlich, so Ozon im Presseheft, habe er einen reinen Dokumentarfilm drehen wollen: „Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich für einen Film investigative Recherchen unternommen, wie sonst Journalisten sie anstellen. Auf der Webseite der Opfer las ich ihre Aussagen und durchforstete sämtliche Presseberichte, später traf ich mich mit den Männern selbst, sprach aber auch mit ihren Familien und ihren Anwälten.“ Doch letztlich entschied er sich doch für eine Art dokumentarischen Spielfilm, weil ein solcher ihm wohl einfach mehr Freiheiten bot. Dennoch wird deutlich erkennbar, dass Ozon sich bei der Herangehensweise diesmal sehr zurückhält; er, dem die Kritik sonst häufig den Vorwurf macht, er emotionalisiere in seinen Filmen zu sehr, hat mit Gelobt sei Gott einen für seine Verhältnisse eher spröden Film gedreht, vielleicht um dem Vorwurf zu entgehen, er nehme die Hintergrundgeschichte lediglich zum Vorwand, um eine ebenso reißerische wie auch einseitige Anklage gegen die katholische Kirche zu erstellen. So bedient er sich einer sehr ruhigen Bildsprache, häufiger Zitate von Briefen im Off und wechselt im Laufe des Filmes dreimal den eigentlichen Protagonisten – alles Stilmittel, um eine größtmögliche Distanz und Objektivität zu erzeugen.

Doch trotz dieser ungewohnten Zurückhaltung enthält Gelobt sei Gott immer noch mehr als genug Sprengstoff, um für Empörung zu sorgen, sei es im Hinblick auf die unentschuldbare Haltung der Kirche, sei es in der Darstellung der Folgen für die betroffenen Männer. Vor allem das Schicksal des besonders sensiblen Emmanuel, der sein Leben nach den traumatischen Erlebnissen als Kind nicht mehr richtig in den Griff bekommen hat, erschüttert zutiefst.

Zwar ist das Thema nach wie vor höchst brisant und vor allem politisch von höchster Relevanz, doch für Ozon steht auch in diesem Fall etwas Anderes im Vordergrund: „Wie in allen meinen Filmen ging es mir in erster Linie darum, eine intime, persönliche Geschichte zu erzählen. Warum schweigen Opfer manchmal 30 Jahre lang? Welchen Mut braucht es, sich dann doch über einen Missbrauch zu äußern? Und welche Auswirkungen hat ein solcher Schritt nicht nur auf das Opfer, sondern auch auf sein Umfeld?“

Eine wesentliche Frage jedoch bleibt in Gelobt sei Gott unbeantwortet; als Alexandres ältester Sohn seinen Vater fragt, ob er nach seinen Erfahrungen mit der katholischen Kirche immer noch an Gott glaube, bleibt ihm dieser die Antwort schuldig. Die muss wohl jeder für sich selbst finden.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.