Wir

Land: USA 2019  Regie: Jordan Peele  Mit: Lupita Nyong’o, Winston Duke, Evan Alex, Shahadi Wright-Joseph, Elisabeth Moss LabelUniversal  VÖ: 25.7.2019  FSK: 16  –  Ein Beitrag von Julian Dax:

© Universal

Bereits mit  Get Out, seinem furiosen Einstieg ins Filmgeschäft, hat Regisseur Jordan Peele seine Klasse bewiesen. Diese wilde Mischung aus Horror und Sozialsatire – mit einer tiefen Verbeugung vor Die Frauen von Stepford – kam nicht nur bei Kritikern gut an, sondern war auch ein Publikumserfolg und bewies einmal mehr, dass man den zahlenden Zuschauern nicht immer nur dasselbe präsentieren muss, um Anklang zu finden.

Beste Voraussetzungen also für den Nachfolgefilm mit dem schlichten Titel Wir.

Der Film beginnt im Jahr 1986, und man sieht ein junges Paar mit seiner kleinen Tochter in einem Vergnügungspark am Strand von Santa Cruz. In einem unbeobachteten Moment schleicht sich das Mädchen davon und findet sich wieder in einer Art Spiegelkabinett mit der ominösen Schrift „Find Yourself“ über dem Eingang. Und genau das geschieht auch: In dem verlassenenen Gebäude macht das Kind eine entsetzliche Entdeckung…

Darauf folgt ein Zeitsprung in die Gegenwart. Aus dem kleinen Mädchen ist die attraktive Adelaide Wilson (Lupita Nyong’o, phänomenal in einer Doppelrolle) geworden, die mit Gatte Gabe (Winston Duke) und den Kindern Zora (Shahadi Wright) und Jason (Evan Alex) ein paar Tage am Meer verbringen möchte. Zwar merkt nicht nur ihr Mann, sondern auch der Zuschauer, dass ihr nicht besonders wohl zu Mute ist – in Form von kurzen Rückblenden wird klar, dass ihre damalige Begegnung im Spiegelkabinett wohl tiefe Spuren hinterlassen haben muss – doch zunächst einmal erscheint alles friedlich und idyllisch; Sonne, Sand, Meer, alte Bekannte (Elisabeth Moss und Tim Heidecker) wiegen den Zuschauer in Sicherheit.

Der eigentliche Horror beginnt jedoch schon am selben Abend; mit den Worten „There’s a family standing in our driveway“, geäußert von Jason, beginnt zunächst einmal etwas, das wie ein typischer „home invasion“-Thriller anmutet, mit dem zusätzlichen Effekt, dass die Invasoren den Wilsons äußerlich haargenau gleichen. Und von dem Moment an, als diese mehr als unheimlichen Eindringlinge im Haus sind, entwickelt sich der Film, mehr oder weniger in Echtzeit, in ein äußerst spannendes, wendungsreiches Horrorspektakel, an dem wohl auch ein Michael Hanneke Gefallen finden könnte.

Ein großer Teil des Reizes von Wir besteht darin, wie vielschichtig Peele, der auch das Drehbuch schrieb und den Film produzierte, seine Geschichte angelegt hat; genauso wie Get Out kann man auch Wir als äußerst bösen Kommentar zur immer weiter fortschreitenden Spaltung innerhalb der amerikanischen Gesellschaft interpretieren. Und wenn man sich die jüngsten, zutiefst rassistischen Äußerungen des Idiots im Weißen Haus vor Augen hält, erscheint das keineswegs als Überinterpretation. Doch Peele geht es in seinem zweiten Film um mehr als Rassismus; er zeigt in aller Deutlichkeit, dass es in den USA eine wesentlich elementarere Trennung gibt.

Noch bevor die eigentliche Handlung einsetzt sieht man eine Schrifttafel, aus der hervorgeht, dass Amerika von einem weitläufigen Tunnelsystem durchzogen ist, von dem keiner so recht weiß, wozu es eigentlich dient. Auch wenn man mit dieser Information zunächst einmal nichts anfangen kann, wird spätestens nach der Begegnung der beiden Familien klar, dass Peele hier eine Parabel geschaffen hat, in der es darum geht, dass der Wohlstand derjenigen, die oben in Freuden leben nur auf Kosten der zahlreichen namen-und gesichtslosen Wesen im Untergrund erworben werden kann.

Zum Glück vergisst Peele jedoch keine Sekunde, dass er kein Prediger, sondern ein Filmemacher ist, der sein Publikum auf intelligente Art unterhalten möchte. Und das macht er auch, denn, wie bereits erwähnt, steigert sich sein Film von dem Moment an, als man die vier Gestalten in der Auffahrt des Ferienhauses stehen sieht und alle vier Mitglieder der Wilsons fortan mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln ums nackte Überleben kämpfen müssen gegen die mit überdimensionalen Scheren bewaffneten Doppelgänger. Und die Idee, diese Wesen – mit Ausnahme der Frau – stumm agieren und lediglich durch Grunzen und Schreien sich artikulieren zu lassen, verleiht ihnen eine ganz besondere Dimension des Schreckens. Zudem ist Lupita Nyong’o  schlicht und ergreifend umwerfend in ihrer Doppelrolle als gequältes Wesen, das sich nur mühsam in menschlicher Sprache ausdrücken kann; schon allein deswegen sollte man den Film unbedingt in der Originalfassung anschauen.

Auch wenn Peele gegen Ende etwas übers Ziel hinaus schießt – eine Hommage an Black Swan, WTF? – und das Ende nicht wirklich befriedigt, gehört Wir zu den immer seltener werdenden Filmen, die sehr lange nachwirken und zu anregenden Diskussionen geradezu einladen. Absolut sehenswert!!!

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