Beautiful Boy

Land: USA 2018  RegieFelix Van Groeningen  Mit Steve Carell, Timothée Chamalet, Maura Tierney  Laufzeiten: 116/121 min.  LabelEurovideo  VÖ: 6.6.2019  FSK: 12 – Ein Beitrag von Julian Dax:

© Eurovideo

 

„Life is what happens to you while you´re busy making other plans.“

Dieser vielfach zitierte Satz stammt aus dem Lied „Beautiful Boy“ von John Lennon, und es ist dieses Lied, das wir in einer Szene von Felix Van Groeningens Film Beautiful Boy einen Vater zu seinem kleinen Sohn singen hören.

Eigentlich ist der achtzehnjährige Nic Sheff (Timothee Chalamet) zu beneiden; zusammen mit Vater David (Steve Carell) und Stiefmutter Karen (Maura Tierney) lebt er in einer Art Hippie-Villa im luxuriösen Marin County bei San Francisco, einer der luxuriösesten Gemeinden in den USA. Nic sieht umwerfend gut aus, ist ein hervorragender Schüler, kennt absolut keine materiellen Sorgen, und seine beiden kleinen Stiefgeschwister vergöttern ihn. Dummerweise ist Nic auch ein Junkie; nachdem er bereits so ziemlich alle illegalen Substanzen ausprobiert hat, ist er nun bei Crystal Meth angelangt, der wohl zerstörerischsten. Beautiful Boy schildert die verzweifelten Versuche des Vaters, seinen Sohn vor dem endgültigen Absturz zu bewahren. So gut wie nichts lässt David unversucht; er recherchiert im Internet, spricht mit Drogenspezialisten, sucht passende Entzugskliniken, probiert selbst Crystal Meth und zeigt vor allem schier grenzenloses Verständnis für Nic, nur um schließlich erkennen zu müssen, dass die Sucht seines Sohnes wesentlich stärker ist als all seine Bemühungen.

Als Dave seinen Sohn irgendwann einmal fragt, warum er überhaupt Drogen nimmt, bekommt er die Antwort, nur so könne er dem Druck des Alltags begegnen. Und diese Antwort macht den Vater ebenso sprachlos wie den Zuschauer, denn ganz spontan möchte man Nic schütteln und ihm zurufen: „Welchen Druck, du verwöhnter, kleiner Scheißer?!“ Andererseits ist das einer der positiven Aspekte des Films, denn im wirklichen Leben gibt es auch nicht immer rationale Gründe für Suchtverhalten. Ebenfalls als positiv empfindet man die Konzentration auf den Vater als eigentlichen Handlungsträger, denn zu oft schon hat man Filme gesehen, in denen sich alles nur um den Süchtigen selbst dreht, während die Auswirkungen auf die ihm nahesteheneden Menschen praktisch ausgespart bleiben. Indem Van Groeningen immer wieder zeigt, wie eine im Grunde glückliche Familie stets aufs Neue vor Zerreißproben gestellt wird und einfach nicht mehr weiter weiß, verdeutlicht er eindringlich, dass Liebe und Verständnis im Falle von Drogensucht einfach nicht genug sind.

Dennoch schaut man den Ereignissen relativ distanziert zu und wird emotional bei Weitem nicht so involviert, wie z.B. in The Broken Circle, Van Groeningens Film aus dem Jahre 2014, in dem es um ein junges Ehepaar geht, das mit der Krebsdiagnose der kleinen Tochter fertigwerden muss. Und als geradezu störend empfindet man die Entscheidung des Regisseurs, die Ereignisse nicht linear zu erzählen; immer wieder gibt es sowohl Rückblenden als auch Vorgriffe, die auf den Betrachter verwirrend wirken und ihn immer wieder aus der eigentlichen Geschichte katapultieren. Wenn man will, kann man Beautiful Boy auch den Vorwurf machen, dass er den Dreck und das Elend eines Junkielebens zu sehr aesthetisiert, denn selbst in der Szene, als Nic sich den finalen Schuss setzen will, wirkt er – trotz sichtbar zerstochener Arme – immer noch irgendwie ansehnlich.

Es sind vor allem die Darsteller, die den Film letzlich doch sehenswert machen. Steve Carell hat schon längst bewiesen, dass er nicht nur in komischen Rollen überzeugen kann, und Timothee Chalamet ist nach seiner Oscar-Nominierung für Call Me By Your Name ohnehin über jeden Verdacht erhaben. Schade, dass die beiden Frauen, Maura Tierney und Amy Ryan als Nics leibliche Mutter so sehr an den Rand gedrängt werden, denn beide machen die Verzweiflung angesichts ihrer totalen Hilflosigkeit geradezu spürbar.

Fazit: Beautiful Boy, dessen Drehbuch auf den beiden Büchern der realen David und Nic Sheff basiert, zeigt den wohl lebenslang andauernden Kampf, den Angehörige von Süchtigen ausfechten müssen, und das ohne wirkliche Aussicht auf Erfolg. Hervorragend gespielt, weniger gelungen in der dramaturgischen Umsetzung.


Technische Daten DVD:

Audio (Deutsch): Deutsch & Englisch DD 5.1
Untertitel: Deutsch
Bildformat: 1,85:1 (16:9)
Special-Features: Making-of; Interviews

Technische Daten Blu-ray:

Audio (Deutsch): Deutsch & Englisch DTS-HD MA 5.1
Untertitel: Deutsch
Bildformat: HD1080p (1,85:1)
Special-Features: Making-of; Interviews; Kinotrailer
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2 Antworten zu Beautiful Boy

  1. Pingback: Beautiful Boy [2018] – 11ersfilmkritiken

  2. René schreibt:

    Mit großen Interesse habe ich auch deine Kritik gelesen und prompt auf meiner Kritik verlinkt. Ich hoffe es geht in Ordnung für dich. 😉

    Gefällt 1 Person

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