Maria Stuart – Königin von Schottland

Originaltitel: Mary, Queen of Scots  Land: GB 2018  Regie: Josie Rourke
Mit: Saoirse Ronan, Margot Robbie, Jack Lowden, David Tennant, Joe Alwyn LabelUniversal  VÖ: 23.5.2019  FSK: 12  –  Ein Beitrag von Julian Dax:

© UNIVERSAL

So mancher ehemalige Gymnasiast wird bei dem Namen Maria Stuart eventuell leicht erblassen und gleich an ein wenig geliebtes gelbes Heftchen aus dem Reclam-Verlag denken. Friedrich Schillers gleichnamiges Drama wird nämlich seit Generationen von Deutschlehrern als Musterbeispiel für ein exakt aufgebautes fünfaktiges Drama verwendet, an dem man den meist nur mäßig interessierten Schülern sehr anschaulich machen kann, was man unter Exposition, Peripetie und Klimax versteht. Es wäre nun äußerst schade, wenn solche Erinnerungen  manche vom Anschauen von Josie Rourkes Filmdebüt Maria Stuart, Königin von Schottland abhielten.

Mit 18 Jahren kehrt Maria Stuart (Saoirse Ronan) aus Frankreich zurück nach Schottland, da ihr Mann, der König von Frankreich, gestorben ist. während ihrer Abwesenheit hat ihr Halbbruder James die Regierungsgeschäfte übernommen, und seine Begeisterung über die Rückkehr fällt entsprechend mäßig aus. Doch Marias Vorstellungen gehen weit über den Anspruch auf den schottischen Thron hinaus; da Elisabeth I. (Margot Robbie) weder einen Ehemann noch einen Thronfolger präsentieren kann, sieht sich Maria als einzig denkbare Königin des gesamten britischen Königreiches. Die Rivalität der beiden Frauen, zusätzlich angestachelt von deren jeweiligen Ratgebern, bringt das ganze Land an den Rand eines Bürgerkrieges. Und auch die von britischen Höflingen arrangierte Hochzeit Marias mit einem der ihren, bringt nicht den gewünschten Erfolg; zwar gelingt es Lord Darnley, seine Frau zu schwängern, die auch den ersehnten Thronfolger zur Welt bringt, doch der Konflikt um die wahre Herrscherin ist damit natürlich erst recht nicht beendet…

Man merkt der Regisseurin bei ihrem Erstlingsfilm deutlich an, dass sie vom Theater kommt, denn sie liefert (zum Glück!) nicht etwa einen weiteren Historienschinken ab, sondern legt den Schwerpunkt auf die vollig gegensätzlichen Charaktere der beiden Königinnen; hier die junge, lebenslustige, schöne Frau, die mehr ihrem Herzen als ihrem Verstand folgt, dort die desillusionierte, misstrauische, nur unter dicker Schminke und Perücke halbwegs ansehnliche Königin. Auch wenn die Kamera sowohl das schottische Hochland als auch den Prunk in Elisabeths Palast eindrucksvoll einfängt, spielen die meisten Szenen in Innenräumen, wirken sehr intim und konzentrieren sich auf das Innenleben von Maria und Elisabeth. Man weiß nicht, wen man dabei mehr bewundern soll, denn sowohl Saoirse Ronan als auch Margot Robbie spielen einfach großartig, wobei beide in ziemlich große Fußstapfen treten müssen; immerhin ist Elisabeth bereits von Bette Davies, Glenda Jackson und Cate Blanchett verkörpert worden, Maria von Zarah Leander, Katherine Hepburn und Vanessa  Redgrave.

Auch gelingt der Regisseurin ein mehr oder weniger subtiler feministischer Ansatz, denn sie stellt die beiden Frauen im Grunde genommen als Schwestern im Geiste dar, die jedoch – angetrieben von kleingeistigen, chauvinistischen, fanatischen und reaktionären Männern – zu Handlungsweisen gedrängt werden, die ihrer inneren Überzeugung widersprechen. Und Maria wird sogar als für ihre Zeit erstaunlich tolerant charakterisiert; als einer ihrer Höflinge sich bei ihr entschuldigen will, dass er mit ihrem frisch angetrauten Gatten im Bett war, entgegnet sie ohne mit der Wimper zu zucken: „Sie brauchen sich nicht für etwas zu entschuldigen, das fester Bestandteil ihrer Natur ist.“

Natürlich verzichtet der Film nicht darauf – ebenso wenig wie bereits Schiller – ein Treffen der beiden Königinnen zu zeigen, das historisch absolut nicht verbürgt ist, aber enorm viel dramatisches Potenzial enthält. Gefilmt mit einer fließenden Kamera in einem einsam abgelegenen Waschhaus im Wald, umweht von Laken und Tüchern auf ihren Leinen, umkreisen sich die beiden Frauen, die schon längst erkannt haben, wie viel sie im Grunde gemeinsam haben, dies jedoch aus Staatsräson unter gar keinen Umständen öffentllich machen dürfen. Es ist vor allem diese spannend aufgebaute Szene, die wohl lange im Gedächtnis bleiben wird, auch wegen Elisabeths absolut wörtlich zu nehmender Selbstentblößung.

Zusammen mit den fantastischen Kostümen, äußerst detaillierten Dekorationen und niemals aufdringlicher Musik bietet Maria Stuart, Königin von Schottland zwei Stunden intelligente Unterhaltung, frischt so nebenbei das eigene Geschichtswissen auf und macht die vielen Unterrichtsstunden, die man als Schüler mit Schillers Werk durchstehen musste, praktisch vergessen.

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