Der verlorene Sohn

Land: 2018  Regie: Joel Edgerton Dauer: 115 min.  Mit: Lucas Hedges, Nicole Kidman, Russell Crowe, Joel Edgerton, Joe Alwyn  Kinostart: 21.2.2019  FSK: 12
Ein Beitrag unseres Familienberaters Julian Dax:

© UNIVERSAL

Woran denkt ein unbefangener Zuschauer bei dem Filmtitel Der verlorene Sohn ? Sicherlich an die gleichnamige Geschichte aus der Bibel , in der ein in die Irre geleitete junge Mann wieder auf den richtigen Weg bzw. in den Schoß der Familie zurückfindet. Insofern verschiebt der deutsche Titel des Filmes, der im Original Boy Erased heißt, was soviel bedeutet wie Der ausgelöschte Junge, den Akzent doch beträchtlich. Denn damit nimmt er die Perspektive der Eltern bzw. deren Umfeld ein und suggeriert, dass die Hauptfigur letztlich ihren „Irrtum“ einsieht, was jedoch weder der Intention des Verfassers des gleichnamigen Buches noch der des Regisseurs entspricht.

Der verlorene Sohn erzählt die wahre Geschichte von Garrard Conley (Lucas Hedges), der 1985 in einem äußerst fundamental-christlichen Umfeld im sog. Bible Belt in den USA aufwächst. Sein Vater (Russell Crowe) ist nicht nur Besitzer eines Autohauses, sondern auch Laienprediger, und als er von der Homosexualität seines Sohnes erfährt, drängt er, unterstützt von seiner Frau (Nicole Kidman), den 19jährigen dazu, sich einer sog. „Reparativtherapie“ zu unterziehen, in deren Rahmen er von seiner „krankhaften Neigung“ geheilt werden soll.

Vor die Wahl gestellt, entweder seine wahre Identität oder seine Familie und seinen Glauben zu riskieren, lässt sich Jared, wie er im Film heißt, auf die absurde „Behandlung“ ein; begleitet von seiner Mutter, begibt er sich in eine von der Außenwelt völlig abgeschottete Einrichtung, in der ein selbsternannter Therapeut (Joel Edgerton) mit entwürdigenden und geradezu unmenschlichen Maßnahmen ein kleines Häuflein zutiefst verunsicherter und unglücklicher junger Menschen wieder „auf den richtigen Weg“ zu bringen. Eine Weile fügt sich Jared, doch dann siegt der Verstand…

Mit seiner zweiten Regiearbeit wagt sich der australische Schauspieler Joel Edgerton an ein nach wie vor sehr kontroverses Thema, vor allem in den USA, wo der Anteil der Fundamentalisten nach wie vor sehr hoch ist, die absolut davon überzeugt sind, dass es sich bei Homosexualität um eine „perverse sexuelle Fixierung“ handle, die man dringend therapieren müsse. Was an dem Film besonders erstaunt, ist die Tatsache, dass es Edgerton gelingt, eine im Grunde monströse Weltsicht darzustellen, ohne die Protagonisten ins Lächerliche zu ziehen, was in diesem Fall durchaus nahe läge. Das durch und durch bürgerliche Ehepaar wird als ehrlich um das Seelenheil ihres Sohnes besorgt dargestellt, nicht etwa als Feuer und Schwefel predigende Fanatiker, und sogar der mehr als fragwürdige Therapeut macht den Eindruck, er glaube ganz fest an seine Mission und deren Sinn. Und wenn man es genau nimmt, erschreckt diese nach Außen hin dokumentierte „Normalität“ wesentlich mehr, als wenn man es mit sichtbar Durchgeknallten zu tun hätte.

Und man glaube auch nicht, dass die dargestellte Geschichte nur in den USA möglich wäre; in der Woche, als die Pressevorführung gezeigt wurde, erschien im SPIEGEL vom 5.1.2019 ein Artikel mit der Überschrift „Diagnose lesbisch“. Mit wachsendem Unglauben und Entsetzen konnte man darin lesen, dass ähnliche „Therapien“ auch in Deutschland von diversen Ärzten (!!!), Therapeuten und Predigern angeboten werden und das Unglück mancher Jugendlicher, die von ihren ebenso verständnislosen als auch unbelehrbaren Eltern zu solchen Scharlatanen geschickt werden, nur noch weiter vertieft. Insofern wäre es wünschenswert, dass ein Film wie Der verlorene Sohn dazu beiträgt, dass man Homosexualität in gewissen Kreisen nicht als Krankheit betrachtet, die unbedingt behandelt werden sollte, sondern als etwas vollkommen Normales.

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Drama abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Der verlorene Sohn

  1. steffelowski schreibt:

    Der Film habe ich auch bereits auf meiner Agenda. Interessante Plot, gut besetzt. Ich verspreche mir einiges davon.
    Schon erschreckend, dass es auch heutzutage noch Menschen gibt , von denen man annimmt, dass sie einiges an Bildung besitzen und auch einen aufgeklärten und gesunden Menschenverstand haben sollten, ein Welt- und Menschenbild besitze , dass aus dem Mittelalter stammt.

    Gefällt 1 Person

  2. derblindefuchs schreibt:

    Danke für den guten Beitrag. 🙂

    Gefällt 1 Person

Schreibe eine Antwort zu derblindefuchs Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.