Hitchcock’s Blondes – Erfindung eines Frauentyps

Titel: Hitchcock’s Blondes – Erfindung eines Frauentyps  Autor: Thilo Wydra
Verlag: Schirmer/Mosel, Dezember 2018  Umfang: 232 Seiten, 83 Abbildungen  ISBN: 978-3-8296-0835-0  Preis: € 39.80, (A) € 41,- , CHF 45.80 – Gelesen hat Julian Dax

© Schirmer/Mosel Verlag

Im Grunde genommen gibt es das ultimative Buch über einen der genialsten Regisseure der Filmgeschichte bereits; es heißt bei uns Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?, ist im Jahre 1966 erschienen und besteht aus einem ca. 50-stündigen Gespräch mit dem großen Bewunderer Francois Truffaut. Dennoch ist jetzt unter dem Titel Hitchcock’s Blondes – Erfindung eines Frauentyps ein weiterer sehr lesenswerter Band erschienen, wobei der Verfasser Thilo Wydra – von ihm stammt übrigens auch eine ausgezeichnete Ingrid Bergman-Biographie – einen anderen Weg gewählt hat, um sich einigen der bekanntesten Filme Alfred Hitchcocks anzunähern.

Die 12 Hauptkapitel von Hitchcock’s Blondes sind jeweils einer Schauspielerin gewidmet, die in einem oder mehreren Filmen des master of suspense eine wesentliche Rolle gespielt hat, beginnend mit Joan Fontaine, Hauptdarstellerin sowohl in Rebecca als auch in Suspicion und endend mit Karin Dor, die Hitchcock in Topas besetzt hat. Natürlich mag der geneigte Leser nun etwas stutzig werden; Karin Dor? Blond? Zwar hatte sie im fünften Bond-Film (Man lebt nur zweimal) rote Haare, aber ansonsten kennt man sie nur brünett. Doch auch dafür hat der alte Fuchs Hitchcock eine einleuchtende Erklärung: “ She is blonde inside.“

Und auf die Frage, warum er so häufig einen ganz bestimmten Frauentyp bevorzuge, bekennt er: „Auch wenn ich mich auf der Leinwand mit Sex befasse, vergesse ich nie, dass der Suspense die Hauptsache ist. Wenn der Sex zu aufgetragen, zu dick ist, gibt es keinen Suspense mehr. Weshalb ich immer wieder auf die mondän reservierten blonden Schauspielerinnen zurückkomme? Ich brauche Damen, wirkliche Damen, die dann im Schlafzimmer zu Nutten werden.“ Treffend hierfür erscheint auch sein Eingangszitat zum Kapitel über Grace Kelly: „Grace is like a mountain covered with snow, but that mountain is a volcano.“

Wichtig für den Autor ist auf jeden Fall, dass die vorgestellten Schauspielerinnen diesem bestimmten Frauentyp entsprechen, worauf er bereits im Untertitel seines mit 83 großformatigen Fotos ausgestatteten Buches hinweist; jung, stark, elegant und vor allem mit unterkühltem Sex-Appeal – lediglich Shirley McLaine in The Trouble With Harry und Julie Andrews in The Torn Curtain passen nicht unbedingt in dieses Schema. Doch auch wenn man Hitchcocks gleich mehrfach eingesetzten Damen (Ingrid Bergman, Grace Kelly, Tippi Hedren) und deren Rollen bereits zur Genüge zu kennen glaubt, gelingt es Wydra doch immer wieder, mit bisher unbekannten und zum Teil auch überraschenden Anekdoten aufzuwarten.

Ingrid Bergman und Alfred Hitchcock, London 1948, photographiert von Kurt Hutton
© courtesy Schirmer/Mosel

So räumt er gleich mehrfach mit der oft kolportierten Behauptung auf, Hitchcock sei ein verklemmter Frauenfeind gewesen, dem es geradezu sadistische Freude bereitet habe, seine leading ladies zu quälen. Wäre es so gewesen, würde es absolut keinen Sinn ergeben, warum Ingrid Bergman und Grace Kelly ihm bis zu seinem Tod im Jahre 1980 äußerst freundschaftlich verbunden geblieben sind und Janet Leigh, Kim Novak oder Eva Marie Saint stets betont haben, unter Hitchcocks Regie hätten sie ihre mit weitem Abstand besten Arbeiten abgeliefert.

Eine gewisse Sonderstellung nimmt höchstens Tippi Hedren ein, die sowohl in The Birds als auch in Marnie zu sehen ist. Als Hitchcock sie als Hauptdarstellerin in seinem bis dahin technisch schwierigsten Film verpflichtet, verfügt sie als Model über keinerlei schauspielerische Erfahrung. Dankbar für die sich ihr bietende Chance, nimmt sie die Hauptrolle an, ohne zu ahnen, was sie vor allem gegen Ende der Dreharbeiten erwartet, das auch gleichzeitig das Ende des Films darstellt. Nachdem sie bereits vorher diverse Möwenattacken (gefilmt mit echten Vögeln!) überstanden hat, wird ihr erklärt, die Szene auf dem Dachboden, in der sie wiederum von Möwen attackiert wird, würde mit künstlichen Vögeln gedreht. Dazu schreibt Wydra: „Was Tippi Hedren während der ganzen Drehzeit zuvor nicht ahnt – während es das ganze Team offenbar zu wissen scheint – ist, dass es keine künstlichen mechanischen Vögel sein werden, die sie angreifen, sondern echte. Echte Vögel, an deren Krallen zudem teils lose Drähte und elastische Gummibänder befestigt sind, die mit Hedrens grünem Kostüm verbunden sind, sodass sie sie immer wieder erneut angreifen. Einmal hackt einer der Vögel Hedren dabei in die Nähe eines Auges. (Sie selbst sagt dazu: „Angst hatte ich eigentlich keine, ich war nur erschöpft. Es hat eine ganze Woche gedauert, diese Szene zu drehen.“). Nach dieser Woche erleidet sie in völliger Erschöpfung einen Nervenzusammenbruch und wird in der Folgewoche von den Dreharbeiten beurlaubt, um sich zu erholen.“

Tippi Hedren, Szenenphoto mit Sean Connery aus Marnie, 1964
© UNIVERSAL / Kobal / Shutterstock / courtesy Schirmer/Mosel

Doch muss auch sie letztlich ihrem „Peiniger“ vergeben haben; wie sonst ist zu erklären, dass sie bereits im Jahr darauf Marnie dreht, eine Rolle, die ursprünglich für Grace Kelly gedacht war? Zu Hitchcocks und ihrem eigenen Leidwesen musste  sie sich jedoch dem strengen Protokoll des Hofes von Monaco beugen, demzufolge Fürstin Gracia Patricia keine psychisch gestörte Kleptomanin spielen dürfe.

„Auf ihre Zeit mit Alfred Hitchcock zurückblickend“, so Wydra, „auf die Jahre also, in denen er sie unterrichtet, sie coacht, mit ihr Stimmübungen macht und zwei große Kinofime dreht, die zu zeitlosen modernen Klassikern der internationalen Filmgeschichte werden sollen, bekennt Tippi Hedren letztlich uneingeschränkt, bis heute: ´Wahrscheinlich habe ich in drei Jahren alles gelernt, wofür ich andernfalls 15 gebraucht hätte. Ich habe so viel von Hitchcock gelernt. Er ist eine absolut faszinierende Gestalt.“

Wie jedes gelungene Filmbuch motiviert auch Hitchcock’s Blondes den Leser oder auch nur Betrachter der zeitlosen Filmfotos dazu, den einen oder anderen Film (wieder) zu sehen. Kann es eine bessere Empfehlung geben?


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