Jeder lügt so gut er kann

Buchtitel: Jeder lügt so gut er kann – Alternativen für Wahrheitssucher
Autor: Harald Martenstein  Verlag: C. Bertelsmann, Oktober 2018
ISBN: 978-3-570-10337-1  Umfang: Gebunden, Schutzumschlag  Preis: 18 Euro, E-Buch: 13.99 Euro  –  Ein Beitrag von Julian Dax:

© C. Bertelsmann

 

Nach seinem bisher letzten Buch Im Kino, in dem er sich ausschließlich mit seinen cineastischen Vorlieben beschäftigt, legt Harald Martenstein, Kolumnist im ZEITMagazin und Redakteur beim Tagesspiegel, mit Jeder lügt so gut er kann einen neuen Band vor.

Darin enthalten sind größtenteils Texte, die in den Jahren 2015 – 2018 in den o.a. Publikationen erschienen sind.

Bereits im ersten Kapitel, einem Interview mit sich selbst, stellt der Autor klar, um welche Art von Buch es sich diesmal handelt:

„Ich schreibe Kolumnen für die ZEIT und für den Tagesspiegel, in gewissen Abständen werden daraus Bücher. Man muss die vorigen nicht kennen, um dieses zu lesen. Ich schreibe über das, was ich erlebe oder mich beschäftigt. Mal ist es lustig, mal ist es ernst. Wenn man alle Bücher liest, entsteht dabei, so hoffe ich, die Chronik eines für meine Generation, meine Herkunft, mein Geschlecht und mein Land typischen Lebens, vielleicht sogar eine Art Gesellschaftsporträt.“

Allerdings erscheint es Martenstein diesmal besonders wichtig, auf den Unterschied des neuen Bandes zu all seinen Vorgängern hinzuweisen: „Die Politisierung der letzten Jahre und der Riss, der durch das Land geht, machen sich natürlich auch bei mir bemerkbar. Deshalb ist dieses Buch politischer und damit angreifbarer als frühere. Ich beziehe Positionen, die nicht jeder teilt, aber das ist wohl selbstverständlich. Oder? Streit und Widerspruch sind gut, solange man nicht versucht, die anderen mundtot zu machen. Spott ist, in gewissen Grenzen, jederzeit erlaubt.“

Doch Martensteins zahlreiche Leser müssen nun nicht etwa befürchten, er habe ein durch und durch politisches Traktat verfasst; in 67 Kapiteln stehen nach wie vor Alltagsbeobachtungen im Vordergrund, wie gewohnt witzig und geistreich beschrieben und mal mehr, mal weniger sanft durch den Kakao gezogen. Mal tragen die einzelnen Kapitel schlichte Überschriften wie „Erziehung“, mal provokative wie „Sex mit Heiko Maas“; allen gemeinsam ist jedoch wieder einmal die Präzision, mit der Martenstein aktuelle Sachverhalte sprachlich unter die Lupe nimmt und genussvoll seziert. Manchmal jedoch schiebt sich ein Text dazwischen, der völlig aus dem Rahmen fällt; im Kapitel „Als ich zehn war“ z.B. beschreibt er ohne falsche Scham und ohne den Protagonisten zu verurteilen, seine eigene Begegnung mit einem Pädophilen.

Das Kapitel Zehn Regeln für One-Night-Stands mag vielleicht mit am Besten Martensteins Stil illustrieren:

In München hat einer der für mich rätselhaftesten Prozesse der jüngeren deutschen Rechtsgeschichte stattgefunden. Es ging um eine Frau, die in einem Hotel vier aufeinanderfolgende Nächte mit einem ihr bis dahin , unbekannten Mann verbracht hat. Neun Monate später kam ein Baby namens Joel zur Welt. Ob da bei der Verhütung etwas schiefgelaufen ist oder ob auf Verhütung verzichtet wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Nun will die Frau für den kleinen Joel Alimente, allerdings kennt sie nur den Vornamen ihres extrem kurzzeitigen Lebensgefährten, sonst nichts. Er heißt Michael. Nicht einmal zum Austausch von E-Mail-Adressen scheint es gekommen zu sein, was den Verdacht zulässt, dass die Schlussbilanz dieser vier Nächte negativ ausgefallen ist.
Die Frau hat das Hotel auf die Herausgabe des vollen Namens dieses Gastes verklagt. Immerhin konnte sie sich an das Stockwerk erinnern, in dem das Zimmer lag. Das Hotel verweigert die Auskunft und erklärt, dass genau vier Gäste namens Michael infrage kämen. Dass es auf einer einzigen Hoteletage am gleichen Tag vier Michaels gibt, ist wirklich sonderbar, da hat diese Frau ungewöhnliches Pech gehabt.
Die Richterin lehnte ihr Ansinnen ab, unter anderem mit der Begründung, dass den drei, zumindest in diesem Punkt, unschuldigen Michaels intime Nachforschungen nicht zuzumuten seien. Wenn da ein Brief von der Justiz kommt, womöglich mit der Bitte um einen Gentest, stünde sofort ´die Möglichkeit einer geschlechtlichen Beziehung im Raum´. Für einen Raum, in dem eine geschlechtliche Beziehung steht, hat nicht jeder in seiner Wohnung Platz. Außerdem ist unklar, ob der Kindsvater tatsächlich Michael heißt, nicht jeder sagt immer die Wahrheit. Da macht man vier braven Michaels Stress und ein Jürgen lacht sich ins Fäustchen.
Außerdem sagte die Richterin, dass jeder Bürger das Recht habe, seinen Namen geheim zu halten, sogar in einer derartigen Situation. Das fand ich allerdings ein bisschen fragwürdig. Wenn Lügen erlaubt sind, müssen die Menschen sich in Deutschland vor dem Sex in Zukunft immer die Personalausweise zeigen, um sicher zu sein, wer das überhaupt ist. Dies tötet jede Romantik und die Geburtenrate sinkt weiter. Aber das Sonderbarste an diesem Fall bleibt die Tatsache, dass die beiden vier Nächte miteinander verbracht haben.
Ich kann mir vorstellen, dass zwei Menschen von spontaner Leidenschaft überwältigt werden und erst mal keine Lust auf Fragen haben, in dem Film Der letzte Tango in Paris wird dies auf künstlerisch wertvolle Weise gezeigt. Aber im Verlauf von vier Abenden muss man doch auch mal telefonieren oder was essen, bei beidem kommt man nach meiner Lebenserfahrung fast automatisch ins Gespräch.
Weil mir das alles so unplausibel vorkam, habe ich „One Night Stand“ gegoogelt und habe auf der Internetseite der Frauenzeitschrift Brigitte die 10 wichtigsten Regeln für kurzfristige erotische Begegnungen mit Unbekannten gefunden.
Ich fasse die Tipps von Brigitte zusammen: ´Still und heimlich verschwinden, während er noch schläft, ist die einfachste Möglichkeit. Nur weil ihr Körperflüssigkeiten ausgetauscht habt, müsst ihr dasselbe nicht mit euren Telefonnummern tun. Mit einem Mann Sex gehabt zu haben verpflichtet euch zu nichts! Da draußen wartet eine Menge interessanter Männer.´
Mit anderen Worten, dieser Michael war einfach nur ein aufmerksamer Leser von Frauenzeitschriften, der alles richtig machen wollte.   [Seite 62 ff.]

Natürlich geht es in den 67 Kapiteln nicht ausschließlich um Sex, auch wenn dieses ebenso unerschöpfliche wie stets wieder interessante Thema ausführlich zur Sprache kommt. Daneben jedoch erfährt man auch, was man unter einem sog. „Rebecca-Syndrom“ versteht, was das Besondere an Flügen mit Ryanair ist oder warum übertriebener Ehrgeiz nichts bringt, um nur einige wenige Themen zu erwähnen.

Jeder lügt so gut er kann eignet sich somit hervorragend sowohl zum Verschenken als auch zum Selberlesen, denn in Martensteins Beobachtungen kann sich wirklich jeder wiedererkennen.

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