Werk ohne Autor

Land: Deutschland 2018  Laufzeit: 189 min.  Regie: Florian Henckel von Donnersmarck  Mit: Tom Schilling, Sebastian Koch, Paula Beer, Ina Weisse, Saskia Rosendahl, Jeanette Hain, Jörg Schüttauf, Florian Bartholomäi, Hanno Koffler, Oliver Masucci, Lars Eidinger, Rainer Bock, David Schütter, Ben Becker  Kinostart: 3.10.2018  FSK: 12   –   Ein Beitrag unseres Kunstexperten Julian Dax:

© Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Als Vielfilmer kann man Florian Henckel von Donnersmarck wirklich nicht bezeichnen. Nach dem weltweiten Erfolg seines Erstlingsfilmes Das Leben der Anderen im Jahre 2008 (u.a. gab es dafür den Oscar als Bester ausländischer Film), folgte zwei Jahre später unter dem Titel The Tourist ein völlig überflüssiges Remake des pfiffigen kleinen französischen Thrillers „Fluchtpunkt Nizza“, und das war es dann auch schon für längere Zeit. Nun meldet sich der Regisseur mit einem wahren Monumentalprojekt zurück, das auch gleich nach Venedig eingeladen wurde, wo es allerdings leer ausging. Jetzt können Wetten abgeschlossen werden, ob Werk ohne Autor bei der Oscarverleihung 2019 mehr Glück beschieden ist – der Film ist als deutscher Beitrag eingereicht. Vorher jedoch muss auch noch das deutsche Kinopublikum überzeugt werden, wobei zu befürchten ist, dass diesmal weitaus weniger Zuschauer den Weg ins Kino finden werden als vor zehn Jahren bei „Das Leben der Anderen“.

Im Mittelpunkt des 189 (!!!) Minuten langen Filmes steht Kurt Barnert, den man zu Beginn als kleinen Jungen sieht, der bereits im zarten Alter eine Vorliebe für Zeichnen und Malen entwickelt. Wir erleben, wie er mit seiner Tante im Jahre 1937 eine Ausstellung über „Entartete Kunst“ in Dresden besucht. Schon kurz danach wird er Zeuge, wie die an Schizophrenie leidende junge Frau mit Gewalt in einen Krankenwagen gezerrt wird, der sie in eine Heilanstalt bringt, wo sie dem Euthanasieprogramm der Nazis zum Opfer fällt, an dem auch SS-Obersturmbannführer Seeband maßgeblich mitgewirkt hat, der im weiteren Verlauf der Handlung Kurts Schwiegervater wird. Nach dem Krieg studiert Kurt in der DDR, doch nach der Anfertigung der typisch monumentalen Gemälde des sog. sozialistischen Realismus erkennt er, dass dies nicht die Kunst ist, die er vertreten möchte, und er beschließt, zusammen mit seiner Frau Ellie, in die BRD überzusiedeln.

An der Düsseldorfer Kunstakademie, an der auch der eindeutig an Beuys orientierte Antonius van Werten unterrichtet, findet Kurt Barnert dann doch noch seine ureigene Ausdrucksweise als bildender Künstler, wobei auch sein ebenfalls in den Westen gezogene Schwiegervater unfreiwillig eine entscheidende Rolle spielt…

Wüsste man es nicht besser, könnte man meinen, diese Geschichte sei absolut erfunden; Naziterror, Euthanasie, DDR-Tristesse, Aufbruch im Westen und schließlich künstlerischer Triumph – das alles wirkt in dieser Anhäufung wie ausgedacht, ist es aber nicht. Das ebenfalls vom Regisseur verfasste Drehbuch orientiert sich weitgehend an einer Biographie über Gerhard Richter, der als bedeutendster deutscher Gegenwartskünstler gilt. Mit ihm führte von Donnersmarck lange Gespräche, in deren Verlauf er dem Künstler seine Idee vorstellte, dessen Leben mit einer ganzen Reihe von fiktiven Elementen anzureichern und so auch noch zusätzlich zu dramatisieren. So war Richters Schwiegervater zwar tatsächlich ein hochrangiger Naziverbrecher, von dessen Untaten Richter erst sehr spät erfuhr, doch für den Tod seiner Tante war er direkt nicht verantwortlich.

Jedenfalls – so von Donnersmarck in einem Interview – war der äußerst medienscheue Richter mit dieser Vorgehensweise einverstanden, und so entstand Werk ohne Autor. Ist es nun auch das unumstrittene Meisterwerk, das dem Regisseur offensichtlich vorschwebte? Hmm…

Zu loben ist auf jeden Fall die ungeheure Sorgfalt, was Ausstattung und Kostüme betrifft; man wähnt sich in der jeweiligen zeitlichen Epoche. Und auch in Bezug auf die Schauspieler kann man nichts Nachteiliges sagen, denn mit Tom Schilling, Paula Beer und Sebastian Koch in den Hauptrollen ist der Film ausgezeichnet besetzt, und selbst in den Nebenrollen sieht man eine ganze Menge bekannter (und guter!) Gesichter.

Dem gegenüber steht allerdings die exzessive Laufzeit des Filmes, und man ertappt sich immer wieder bei dem Gedanken, welche Szenen man hätte problemlos kürzen oder ganz weglassen können. Und noch etwas fällt negativ ins Gewicht: Nicht nur erfährt man letztlich viel zu wenig über Barnerts Frau – auch wenn man sie mehr als einmal nackt bewundern darf – nein, auch die eigentliche Hauptfigur bleibt im Grunde genommen nur ein Betrachter der Ereignisse um ihn herum. Vielleicht war genau das die Absicht des Regisseurs, denn als bildender Künstler muss Barnert seine Umgebung genau beobachten und in seine Kunst integrieren, doch ein bisschen mehr Information über das, was in seinem Kopf vorgeht, z.B. als er die entsetzliche Wahrheit über seinen Schwiegervater erfährt, hätte man sich auf jeden Fall gewünscht. Und was sagt Gerhard Richter selbst zum fertigen Film? Bisher nichts, da er für Interviews darüber nicht zur Verfügung steht. Das wiederum kann man so oder so sehen…

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