Bob Dylan: Ein Jahr und ein Tag

Autoren: Daniel Kramer  VerlagTASCHEN, August 2018  Preis: 50 Euro  Umfang: Hardcover, 23,6 x 33,3 cm, 280 Seiten, Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch  ISBN: 978-3-8365-7100-5

Ein Beitrag unseres Musikologen Julian Dax:

© TASCHEN

An Bob Dylan scheiden sich nach wie vor die Geister; von den Einen geradezu kultisch verehrt, von den Anderen als in jeder Hinsicht maßlos überschätzt betrachtet, währt seine Karriere inzwischen auch schon 56 Jahre. Natürlich sind in dieser langen Zeit nicht nur seine Platten erschienen, sondern auch unzählige Bücher, die sich mit ihm und seinem Werk beschäftigen. Insofern werden die Dylan-Skeptiker wohl nur die Augen verdrehen bei der Information bezüglich eines weiteren Buches, während die Fans sich sicherlich auch darauf stürzen werden.

Mit Bob Dylan – A Year And A Day ist nun tatsächlich ein so bisher noch nicht dagewesener Bildband auf dem Markt. Der renommierte Fotograf Daniel Kramer veröffentlicht darin die Bilder, die 1964 – 1965 entstanden sind, also dem Jahr, in dem Dylans Karriere mit der Veröffentlichung seiner dritten LP („The Times They Are A-Changin´“) so richtig losging.

Kramer erinnert sich: „Alles in allem fanden etwa 30 Fotositzungen statt, meist ziemlich kurzfristig. Wir machten so weiter, wie wir in Woodstock (gemeint ist nicht das Festival, sondern der kleine Ort, in dem Albert Grossman, Dylans Manager, residierte!) begonnen hatten – manchmal dauerte so eine Sitzung ein paar Stunden, manchmal den ganzen Tag und manchmal länger. Und da all das schon eine Weile zurückliegt, habe ich in dieses Buch auch einige meiner früheren Texte miteinbezogen, die diese Erlebnisse schildern und die teils meinem 1967 erschienenen Buch entstammen.“

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Insgesamt nehmen diese Texte jedoch nur einen sehr kleinen Raum ein, der weitaus größte Teil besteht aus meist schwarz-weißen Fotos, die den damals gerade einmal 23jährigen Robert Zimmermann auf und hinter der Bühne, im Aufnahmestudio, vor allem aber in sehr privaten Momenten zeigen, die allesamt absolut echt und unverstellt wirken. Eine ganze Reihe dieser Fotos, so z. B. auch das Umschlagbild mit einem schelmisch lächelnden Dylan, haben im Laufe der Zeit eine durchaus ikonenhafte Bedeutung erlangt. Eingeteilt in sechs Kapitel, von denen das vierte, „Bob & Joan“ betitelt, ausschließlich der stürmischen Beziehung der beiden Idole der Folk-und Protestbewegung gewidmet ist, wird man mit Hilfe der sehr aussagekräftigen Bilder Kramers Zeuge eines rastlosen Lebens und Schaffens – das übrigens bis zum heutigen Tage anhält.

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Das letzte Kapitel mit der Überschrift „Forest Hills“ beschäftigt sich mit dem letzten Konzert, bei dem Kramer Fotos machte: „Am 28. August 1965, ein Jahr und einen Tag nach unserer Begegnung in Woodstock, gab Bob Dylan ein Konzert im New Yorker Forest- Hills-Stadion, das mit 14.000 Zuschauern bis auf den letzten Platz gefüllt war. Der Abend sollte in dem gipfeln, was er in den vergangenen sechs Monaten mit seiner Musik getrieben hatte – was uns erwartete, war der Big Bang. (…) Als Bob zur zweiten Hälfte des Konzerts mit elektrischer Gitarre und Musikern im Gefolge erschien, kam von der Tribüne missbilligendes Grummeln. Das Scheppern der elektrisch verstärkten Instrumente zerriss die Nacht. Getragen vom Wind, der übers offene Stadion fegte, drangen der harte Klang der E-Gitarren, das Stampfen des Schlagzeugs und Bobs Stimme bis in die hintersten Winkel.

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Sobald die Musik einsetzte, wurde es still im Publikum. War ein Song zu Ende, wurden „Wir wollen Dylan! Wir wollen Dylan!“- Rufe laut. Doch Bob Dylan sang unbeirrt weiter; er ließ sich nie aus dem Konzept bringen. Er tat genau das, was er auch seinem Quartett geraten hatte – er spielte, so gut er konnte, und ließ sich nicht einschüchtern. Das war eindeutig der Mann, den ich „The Lonesome Death Of Hattie Carroll“ singen hörte, als ich ihn zum ersten Mal sah.“

Wer sich demnach als ernsthafter „Dylanologe“ betrachtet, kommt an diesem Prachtband praktisch gar nicht vorbei, denn Kramer fängt sowohl mit seinen Fotos als auch den dazugehörigen Erklärungen eine Zeitenwende in der Entwicklung der Musik des 20. Jahrhunderts ein. Später im selben Jahr erschien „Highway 61 Revisited“, u.a. mit „Like A Rolling Stone“, und auch im fernen Großbritannien hörten vier talentierte Musiker, was die Stunde geschlagen hatte, veröffentlichten „Rubber Soul“ – und nichts war mehr so wie vorher!


Weitere Bildbände aus dem TASCHEN-Verlag finden Sie in unserer Bibliothek:

stanley-kubrick-archiv-cover barbra-cover the-james-bond-archives-cover

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