Der Hauptmann

Land: Deutschland/Frankreich/Polen 2017  Regie: Robert Schwentke
Mit: Max Hubacher, Frederick Lau, Alexander Fehling, Milan Peschel, Bernd Hölscher, Waldemar Kobus, Samuel Finzi, Wolfram Koch  VÖ: 7.9.2018  FSK: 16

Ein Beitrag unseres uniformierten Julian Dax:

© Weltkino

Nach einigen mehr („Flightplan“, „R.E.D.“) oder weniger („R.I.P.D.“, „Die Bestimmung“) erfolgreichen Hollywoodfilmen ist Regisseur und Drehbuchautor Robert Schwentke nach Deutschland zurück gekehrt und hat sich mit Der Hauptmann eines Stoffes angenommen, den man nur als äußerst schwer verdaulich bezeichnen kann.

Frühjahr 1945, irgendwo in Norddeutschland. Die deutsche Armee ist in alle Winde zertreut. Der 21-jährige Gefreite Willi Herold flieht zu Fuß vor einer Gruppe deutscher Soldaten, die ihn sowohl beschimpfen als auch beschießen. Was er sich zu Schulden hat kommen lassen, bleibt ungeklärt. Doch es gelingt ihm, sich im Wald zu verstecken. Auf seinem weiteren Weg stößt er auf ein verlassenes Auto mit einem Koffer auf den Rücksitzen. Drinnen befindet sich eine Hauptmannsuniform, die er ohne groß zu überlegen anzieht. Einige weitere versprengte Solsaten schließen sich ihm an, zumal er behauptet, er sei im Auftrag des Führers persönlich unterwegs, um zu inspizieren, was sich hinter der Front abspielt. Als „Kampfgruppe Herold“ gelangen sie schließlich in ein Gefangenenlager der Wehrmacht, in dem angebliche Diebe, Deserteure, Plünderer und Vergewaltiger einsitzen. Sehr schnell übernimmt der angebliche Hauptmann das Oberkommando und lässt nach und nach alle Gefangenen kurzerhand hinrichten, wobei er selbst eine besonders sadistische Ader offenbart, als er z.B. vier Gefangene aneinander fesselt und sie laufen lässt, nur um sie nacheinander „auf der Flucht“ zu erschießen bzw. erschießen zu lassen. Nachdem das Lager von den Engländern dem Erdboden gleich gemacht wird, begeben sich Herold und die wenigen Überlebenden in den nächsten größeren Ort, wo die Gräueltaten immer noch weitergehen…

Während in Carl Zuckmayers Satire „Der Hauptmann von Köpenick“ ein armer Schuster in der gestohlenen Uniform eines Hauptmanns schnell Karriere macht und auf diese Weise sowohl das typisch preußische Obrigkeitsdenken als auch den damit einhergehenden blinden Gehorsam entlarvt und der Lächerlichkeit preisgibt, gibt es in Schwentkes Film absolut nichts zu lachen; ganz im Gegenteil, „Der Hauptmann“ versetzt einem eine ganze Reihe Schläge direkt in die Magengrube. Das beginnt mit der schwarz-weißen Trostlosigkeit der weiten Landschaft, setzt sich fort in der zwar nur an wenigen Stellen eingesetzten unheilvollen musikalischen Untermalung, die jedoch umso effektiver erscheint, und findet seinen traurigen Höhepunkt in der Darstellung von hemmungsloser Gewaltausübung.

Dabei enthält sich Schwentke jeglicher Psychologisierung seiner Figuren; nicht einmal von Willi Herolds Vorleben erfährt man auch nur das Geringste, und ebenso wenig wird erklärt, was genau ihn dazu treibt, sich immer mehr in seine Rolle hinein zu steigern. Ob schierer Überlebenswille, pure Machtgeilheit oder sogar ein latent vorhandener Sadismus interessiert den Regisseur nicht – für ihn zählt allein die Verhaltensweise als solche, und in dieser Beziehung kann man sich kein düstereres Menschenbild vorstellen.

So muss man Robert Schwentkes Mut nur loben, solch einen Film in Angriff genommen zu haben, obwohl er natürlich gewusst haben muss, dass er lediglich eine Handvoll Zuschauer finden würde. Vielleicht hat er das aber nach den vielen bunten Knallbonbons, die er in Hollywood fabriziert hat, einfach gebraucht, um sich als ernst zu nehmender Filmemacher zurück zu melden.

P.S. Als weiteren Schlag in die Magengrube kann man übrigens auch die Schrifttafeln am Ende des Filmes empfinden, denn da erfährt man, dass die Ereignisse keineswegs der Phantasie des Drehbuchautors entsprungen sind, sondern sich weitgehend wie geschildert abgespielt haben.


DVD:

Länge: 115 min
Bild: 2,40:1 (16:9 anamorph)
Ton: Deutsch (5.1 DD, Stereo DD)
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Extras: Hinter den Kulissen, Unveröffentlichte Szene, Interviews, Storyboard-Film-Vergleich, Soundtrack-Video, Featurette „Die Entstehung der Wurzel“, Hörfilmfassung für Sehbehinderte, Trailer, Wendecover

Blu-ray:

Länge: 119 min
Bild: 2,40:1 (1080p/24 Full HD)
Ton: Deutsch (5.1 DD, Stereo DD)
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Extras: Hinter den Kulissen, Unveröffentlichte Szene, Interviews, Storyboard-Film-Vergleich, Soundtrack-Video, Featurette „Die Entstehung der Wurzel“, Hörfilmfassung für Sehbehinderte, Trailer, Wendecover

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