Der seidene Faden

Originaltitel: Phantom Thread  Land: USA 2017  Regie: Paul Thomas Anderson
Mit: Daniel Day-Lewis, Lesley Manville, Vicky Krieps, Camilla Rutherford, Gina McKee, Brian Gleeson, Richard Graham  Label: Universal Pictures Home Entertainment
: 7.6.2018  FSK: 6

Ein Beitrag unseres Textilexperten Julian Dax:

© UNIVERSAL

Groß war das Erstaunen in der Filmwelt, als der dreifache Oscar-Preisträger Daniel Day-Lewis verkündete, der Modeschöpfer Reynolds Woodcock in Paul Thomas Andersons Film Der seidene Faden sei seine letzte Rolle, nach der er sich vom Filmgeschäft zurückziehen wolle. Ebenso erstaunt war man auch, als „Phantom Thread“, so der Originaltitel, dieses Jahr gleich für sechs Oscars nominiert wurde, wobei er letztlich einen für das beste Kostümdesign erhielt. Einesteils enthält der Film natürlich all die Elemente, die zahlreiche Mitglieder der Akademie schätzen, die für die Oscarvergabe zuständig sind, andererseits besitzt er jedoch auch Widerhaken und mehr oder weniger versteckte unangenehme Wahrheiten über das Wesen des Menschen. Ein sog. „Wohlfühlfilm“ jedenfalls sieht anders aus.

Das glamouröse Leben in London der 1950er Jahre. Der ebenso renommierte wie exzentrische Modeschöpfer Reynolds Jeremiah Woodcock hat, zusammen mit seiner Schwester Cyril, unter der Bezeichnung „House of Woodcock“ ein Modeimperium errichtet. Zur Kundschaft zählen Adlige, Filmstars und Vertreterinnen der High Society. Wechselnde Damenbekanntschaften, die ihm als sog. „Musen“ dienen, werden nach einer gewissen Zeit wieder von seiner Schwester verabschiedet, denn Woodcock ist überzeugter Junggeselle. Zumindest so lange, bis er die junge Kellnerin Alma kennenlernt. Mit wachsendem Unbehagen, aber auch einer so noch nicht gekannten Faszination muss er feststellen, dass er, für den Kontrolle über alles und jeden bisher das oberste Prinzip dargestellt hat, im Begriff steht, sich auf etwas einzulassen, das sich in der Regel jeglicher Kontrolle entzieht…

In technischer Hinsicht ist Der seidene Faden absolut makellos; Ausstattung, Szenerie, Kamera, Musik lassen den Zuschauer in die damalige Zeit eintauchen und vermitteln eine Atmosphäre, in der es nicht unbedingt üblich war, seine Gefühle zu offenbaren – schon gar nicht als Brite. Und es bedarf eigentlich keiner Erwähnung, dass die drei Hauptdarsteller – neben Day-Lewis sind es Vicky Krieps als Alma und Lesley Manville als Cyril – erstklassig sind, wobei vor allem die junge Luxemburgerin Vicky Krieps überrascht, die sich von dem schauspielerischen Schwergewicht, den sie als Partner hat, keineswegs beeindrucken lässt und man ihr ebenso fasziniert zuschaut wie ihm. Dazu kommt noch, dass sie im Grunde den schwierigeren Part zu spielen hat, denn über die Motivation ihrer Figur, sich auf solch einen egomanischen, verzogenen und beinahe mit autistischen Zügen ausgestattenen Charakter einzulassen, erfährt man ebenso wenig wie über ihren Hintergrund. Dennoch ahnt man, was sie in ihrem Gegenüber erkennt und kann nachvollziehen, warum sie auch zu drastischen Mitteln greift, um ihn in ihrem Sinne zu einem gewissen Umdenken zu bringen.

Unter den gegebenen Umständen bleibt in dieser Beziehung natürlich kein Platz für Romantik, ganz im Gegenteil; immer mehr gewinnt man den Eindruck, dass sich beide Protagonisten einer Art freiwilligem Experiment unterziehen, zu dem auch gegenseitige Provokationen gehören, dass beide eben in diesem Spannungsverhältnis einen ganz besonderen Reiz erkennen, der sie auf eine Art und Weise ergänzt und subtil verändert. Aus dem unausstehlichen Kontrollfreak wird ein Mensch, der Fehler zulässt und aus einer zunächst unscheinbaren grauen Maus eine klar denkende willensstarke Frau, wobei der Film offenlässt, ob diese Entwicklung von Dauer ist und dem Zuschauer somit auch ein eindeutiges Happy-End verweigert.

P.S. Und für Filmkundige hat Anderson noch ein ganz besonderes Schmankerl parat: Wer Alfred Hitchcocks Rebecca kennt, wird nicht umhin kommen, gewisse Parallelen festzustellen. So erinnert Woodcocks Schwester Cyril allein schon äußerlich verblüffend an Mrs. Danvers, die unheimliche Haushälterin. Im Fall von Woodcock selbst ist es zwar nicht seine erste Frau, dafür aber seine Mutter, die ihn in seinen Albträumen heimsucht un das junge Glück bedroht.


DVD:

FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Laufzeit: 125 Min.
Ton: Dolby Digital 5.1 (D, EN, I)
Bild: 1,85:1 Anamorph Widescreen
Untertitel: D, EN für Hörg. , DK, FIN, I, N, S, TRK

Blu-ray:

FSK: Freigegeben ab 6 Jahren
Laufzeit: 130 Min.
Ton: DTS Digital Surround 5.1 (D, F, I, E), DTS:X (EN)
Bild: 1,85:1 Widescreen in High Definition
Untertitel: D, EN für Hörg. , ARAB, F, I, DK, NL, FIN, HIND, ISL, N, S, E, P

 

Bonusmaterial:

– Kameratests
– Für den hungrigen Jungen
– House-of-Woodcock-Modenschau
– Fotos von Hinter den Kulissen

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2 Antworten zu Der seidene Faden

  1. Laura Palmer schreibt:

    War klasse im Kino – und soll auch in meine DVD-Sammlung rein!

    Gefällt 1 Person

  2. PHANTOM THREAD gehört für mich eher in die Kategorie „Einmal sollte man den Film gesehen haben und damit ist es auch gut“. Es ist wie du schreibst: Wohlfühlkino ist das nicht. Trotzdem sitzt man gebannt vor der Leinwand – zumindest in den ersten beiden Dritteln. Das Ende fand ich ein bißchen dröge. Weniger schauspielerisch gesehen, sondern von der Geschichte her.

    Mehr dazu in meiner Kritik zum Film: http://adoringaudience.de/phantom-thread-o-2017/

    Gefällt 1 Person

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