Die Unsichtbaren – Wir wollen leben

Land: Deutschland 2017  Regie: Claus Räfle  Mit: Max Mauff, Alice Dwyer, Ruby O. Fee, Aaron Altaras, Victoria Schulz  LabelTobis  Veröffentlichung: 27.4.2018  FSK: 12

Ein Beitrag unseres Historikers Julian Dax:

© TOBIS

Als Propagandaminister Joseph Goebbels im Juni 1943 verkündete, Berlin sei jetzt „judenfrei“, war auch das eine Lüge. Schätzungsweise 7000 jüdischen Bürgern gelang es unterzutauchen, von denen etwa 1500 das Kriegsende erlebten, ohne vorher denunziert, entdeckt, deportiert und getötet zu werden. Am Beispiel von vier Überlebenden erzählt Claus Räfles Film Die Unsichtbaren – Wir wollen leben äußerst eindrucksvoll deren Schicksal.

Cioma Schönhaus, Hanna Lévy, Ruth Gumpel und Eugen Friede sind zwischen 16 und 20 Jahre alt, als sie beschließen, sich Verhaftung und Deportation zu entziehen und sowohl auf die Anonymität der Riesenstadt Berlin zu vertrauen als auch auf die Hilfsbereitschaft einiger Deutscher. Alle vier, die sich übrigens nicht kennen, müssen mit ständiger Angst vor Entdeckung leben und sich oft genug fragen, wo sie etwas zu essen und ein Bett zum Schlafen bekommen. Über allem jedoch steht die Frage, wem sie überhaupt trauen dürfen. Im Grunde genommen sind es vier grundverschiedene Charaktere, die man kennen lernt; während Cioma Schönhaus als geschickter Ausweisfälscher ein gesichertes Einkommen hat, weiß z. B. Hanna Lévy oft nicht, wo sie übernachten soll. Sie blondiert sich die Haare, legt sich einen aufrechten Gang zu, um nicht aufzufallen, spaziert über den Kurfürstendamm und findet im Kino wenigstens für eine Weile einen Zufluchtsort.

Das Besondere an dem Film ist die geradezu geniale Idee, das Ganze als eine Art Hybrid aus Dokumentation und Spielfilm zu präsentieren. Man sieht und hört die vier Überlebenden aus heutiger Perspektive und zusätzlich werden entscheidende Episoden aus deren damaligem Leben in Spielszenen nachgestellt. Dabei fließen Bilder und Dialoge auf faszinierende Art ineinander – es ist demnach nicht etwa eine bloße Nachstellung des bereits Erzählten, sondern ergibt ein ebenso spannendes wie erschütterndes Gesamtbild, zumal die vier Zeitzeugen allesamt hervorragende und äußerst lebhafte Chronisten sind.

© TOBIS

Und noch eines muss man besonders hervorheben: Während so viele Filme über die Nazizeit sich entweder in Sentimentalitäten ergehen und/oder den berüchtigten moralischen Zeigefinger erheben, findet man im vorliegenden Fall nichts dergleichen. Die Schicksale der vier jungen Menschen wirken unglaublich authentisch, und „Die Unsichtbaren“ versucht an keiner einzigen Stelle, das Publikum zu manipulieren. Vor allem auch die Tatsache, dass man es hier mit jungen Menschen zu tun hat, die auch Dummheiten begehen, die, trotz der mehr als widrigen Umstände, einem gewissen jugendlichen Leichtsinn und vielleicht sogar Trotz geschuldet sind, lässt die Figuren besonders lebendig und sympathisch erscheinen. Die jungen Darsteller Alice Dwyer, Ruby O. Fee, Max Mauff und Aaron Altaras agieren dabei vollkommen unbefangen, verdeutlichen jedoch in jeder Einstellung, dass sie sich ihrer Verantwortung gegenüber ihren historischen Vorbildern absolut bewusst sind.

Somit sei Die Unsichtbaren – Wir wollen leben nicht nur Geschichtslehrern empfohlen, die ihren Schülern einmal eine vollkommen andere Sichtweise der Situation von untergetauchten Juden in den letzten zwei Kriegsjahren präsentieren wollen, sondern eigentlich allen, die daran interessiert sind, wie Lebenswille und Optimismus auf der einen Seite sowie Hilfbereitschaft und Zivilcourage auf der anderen das Überleben in einer unmenschlichen Zeit ermöglicht haben.


Technische Daten DVD:

Laufzeit ca. 106 Min.
Bildformat 2,40:1 (16:9 anamorph)
Tonformat DD 5.1
Sprachen Deutsch
Untertitel Deutsch für Hörgeschädigte
Extras Featurette, B-Roll, Bildergalerie, Interviews, Hörfilmfassung

Technische Daten Blu-ray:

Laufzeit ca. 110 Min.
Bildformat 2,40:1 (1080p/24)
Tonformat DTS-HD 5.1 MA
Sprachen Deutsch
Untertitel Deutsch für Hörgeschädigte
Extras Featurette, B-Roll, Bildergalerie, Interviews, Hörfilmfassung

 

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Eine Antwort zu Die Unsichtbaren – Wir wollen leben

  1. Stepnwolf schreibt:

    Oh, Alice Dwyer spielt mit? Schon ein Grund, da mal reinzuschauen.

    Gefällt 1 Person

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