The Florida Project

Land: USA 2017  Laufzeit: 111 min  Regie: Sean Baker
Mit: Brooklynn Kimberly Prince, Bria Vinaite, Willem Dafoe, Christopher Rivera, Caleb Landry Jones  Kinostart: 15.3.2018

Ein Beitrag unseres Kinosoziologen Julian Dax:

© 2017 PROKINO Filmverleih GmbH

„Der beste Film, den Sie dieses Jahr sehen werden“ – zumindest ist das die Meinung der „L.A. Times“. Man weiß natürlich, was man von solchen Anpreisungen zu halten hat und ist eher vorsichtig. Einer der ungewöhnlichsten und somit auch sehenswertesten Filme seit einiger Zeit ist The Florida Project auf jeden Fall.

Orlando, Florida. Moonee (Brooklynn Kimberly Prince) ist erst sechs Jahre alt und äußerst neugierig und unbändig. Zusammen mit ihrer sehr jungen Mutter Halley (Bria Vinaite) lebt sie in „The Magic Castle Motel“, das sich an einem vielbefahrenen Highway in Richtung vom nur wenige Kilometer entfernten Disneyworld befindet. Halleys finanzielle Lage kann man nur als äußerst desolat bezeichnen, sodass sie sich gezwungen sieht, die magere Stütze vom Staat mit Hilfe von kleineren Gaunereien und Prostitution aufzustocken, um die 38 Dollar Tagesmiete aufbringen zu können, die sie dem Motelmanager Bobby (Willem Dafoe) zahlen muss. Vollkommen unbeeindruckt davon bewegen sich Moonee und ihre Freunde in ihrer Umgebung, die sie nach Lust und Laune zu ihrem ganz privaten Disneyworld erklären und sich die Zeit mit Spuckwettberben oder dem Abfackeln leerstehender Häuser vertreiben.

Mit The Florida Project taucht man in eine Welt ein, die einem bisher völlig fremd war und die man höchstens aus entsprechenden Zeitungsartikeln kannte. Es ist das Milieu der unterprivilegierten Amerikaner, Menschen also, die vollkommen abgehängt erscheinen vom Rest der Nation und sich sozusagen auf der letzten Stufe vor der Obdachlosigkeit befinden. Vor solch einem deprimierenden Hintergrund müsste man eigentlich ein knallhartes Sozialdrama erwarten und nicht unbedingt einen Film, der den Zuschauer zwar nachdenklich, aber gleichzeitig auch durchaus beschwingt entlässt. Denn Regisseur Sean Baker macht nicht den Fehler, seine Geschichte als eine einzige Anklage mitsamt moralisch erhobenem Zeigefinger zu inszenieren, sondern als eine Art Hymne an das Leben, ganz gleich, wie widrig dieses Leben für Außenstehende erscheinen mag. In diesem Zusammenhang ist es ganz interessant, dass er selbst den Film als eine moderne Version von „Die kleinen Strolche“ betrachtet, einer Reihe von Kurzfilmen aus den Zwanziger- und Dreißigerjahren, in denen eine Kinderbande aus ärmsten Verhältnissen ihre urkomischen Abenteuer erlebt, wobei der reale Hintergrund – die Zeit der Großen Depression – stets präsent bleibt.

© 2017 PROKINO Filmverleih GmbH

Auch wenn dieser Vergleich zunächst einmal etwas befremdlich erscheinen mag – sehr schnell merkt man, dass er gar nicht so weit hergeholt ist; man betrachtet die Ereignisse größtenteils aus der Perspektive der Kinder, denen es trotz des prekären Hintergrunds an nichts Wesentlichem zu mangeln scheint, weil sie letztlich doch behütet und umsorgt aufwachsen. Dabei spielt auch Motelmanager Bobby eine wesentliche Rolle. Da die meisten Kinder nur von ihren Müttern versorgt werden, hat er die Vaterrolle übernommen und kümmert sich rührend um seine Schützlinge, auch wenn sie ihm den einen oder anderen Streich spielen. „They´re good kids, most of the time“, seufzt er an einer Stelle, obwohl er sich auch über einen toten Fisch beklagt, den Moonee in den Swimming Pool geworfen hat, um ihn wieder zum Leben zu erwecken. Willem Dafoe, den man in so einer Rolle bisher noch nicht gesehen hat, versteht es meisterhaft, einen zutiefst menschlichen Charakter darzustellen, der genau weiß, wie chancenlos seine Mieter im Grunde genommen sind, ihnen jedoch mit unendlich viel Geduld und Verständnis das Leben erleichtern möchte.

Und was die Kinderdarsteller betrifft, so kann man nur staunen, wie natürlich alle spielen, wobei dieser Begriff hier eigentlich fehl am Platz erscheint, denn zumindest für die Dauer des Films sind sie die Figuren, und jedes Wort, jede Geste wirkt fast dokumentarisch. Und wenn am Ende die harsche Realität in Gestalt von Vertretern des Jugendamtes in die Welt der Kinder einbricht, so findet Sean Baker auch hier eine Lösung, die dem entspricht, was das Presseheft über den Film allgemein zu sagen hat: „Ein glücklicher Film über eine unschöne Welt.“

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Eine Antwort zu The Florida Project

  1. Laura Palmer schreibt:

    Ich freu‘ mich schon so auf diesen Film!!!

    Gefällt 1 Person

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