Red Sparrow

Land: USA 2018  Laufzeit: 145 min  Regie: Francis Lawrence
Mit: Jennifer Lawrence, Joel Edgerton, Matthias Schoenaerts, Jeremy Irons, Charlotte Rampling, Mary-Louise Parker Kinostart: 1.3.2018

Ein Beitrag unseres geheimen Mitarbeiters Julian Dax:

© 2018 Twentieth Century Fox

Als Jennifer Lawrence vor wenigen Tagen zur Weltpremiere von Red Sparrow in London trotz eisiger Temperatur in einem äußerst offenherzigen Kleid erschien, wurde sie sofort in den (a)sozialen Netzwerken gleichzeitig bedauert und kritisiert; es sei mal wieder typisch, dass nicht einmal ein Star ihres Formats es wage, dem vorherrschenden männlichen Bild von einer attraktiven Frau entgegenzuwirken und in bequemer und warmer Kleidung zu erscheinen. Auf die Idee, dass JLaw dieses luftige Kleid tragen wollte, weil sie sich eben darin gefiel, kamen all die Eiferer(innen?) offensichtlich nicht. Diese Gutmenschinnen werden mutmaßlich auch Probleme mit Red Sparrow bekommen…

Dominika Egorova ist zwar Primaballerina am Moskauer Bolshoi Theater, doch sie lebt zusammen mit ihrer kranken Mutter in einer bescheidenen Wohnung. Während eines Auftritts kommt es auf der Bühne zu einem schlimmen Unfall, der das Ende ihrer Karriere als Tänzerin bedeutet. Als ihr Onkel, ein ranghoher Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes, ihr den Vorschlag unterbreitet, dem Staat auf andere Weise zu dienen, stimmt sie zu und findet sich schon bald in einer Einrichtung wieder mit der Bezeichnung „sparrow school“ (= Spatzenschule). Diese Spatzen sind attraktive junge Männer und Frauen, die ausschließlich dafür trainiert werden, mit vollem körperlichem Einsatz wichtigen Personen Informationen zu entlocken und bei Bedarf sich ihrer auch zu entledigen. Und da Dominika sich als talentierte Schülerin erweist, obwohl bzw. gerade weil sie auch Befehle verweigert und ihren eigenen Kopf durchsetzt, dauert es nicht lange, bis sie ihre Kenntnisse unter Beweis stellen darf. Kompliziert wird ihr Einsatz, als sie in Budapest auf einen amerikanischen CIA Agenten angesetzt wird, für den sie Gefühle zu entwickeln scheint – oder ist das auch nur Teil ihrer Strategie?

*

Red Sparrow basiert auf dem 2013 erschienenen gleichnamigen Roman von Jason Matthews, einem ehemaligen Agenten, der selbst 33 (!) Jahre beim CIA tätig war und natürlich auch seine Kenntnisse der Materie miteinfließen lassen konnte. Auch wenn die Idee einer solchen Einrichtung, wie sie Roman und Film schildern, sehr weit hergeholt erscheint, behauptet der Autor, dass derartige Institutionen existieren – übrigens auch in den USA – in denen junge Menschen darauf trainiert werden, mit Hilfe von Verführung Geheimnisträger aller Couleur zu umgarnen und, wenn es sein muss, zu erpressen oder zu beseitigen. Deshalb stand es auch für Regisseur Francis Lawrence – weder verwandt noch verschwägert mit seiner Hauptdarstellerin – von vornherein fest, die äußerst drastischen Szenen der Romanvorlage in Bezug auf Sex und Gewalt keineswegs zu verwässern und abzumildern.

Im Grunde genommen ist Red Sparrow ein im positiven Sinne altmodischer Spionagethriller mit Moskau, Budapest, Wien und London als Hauptschauplätzen, undurchsichtigen Charakteren, denen grundsätzlich nicht zu trauen ist, „Maulwürfen“ sowohl bei den Russen als auch bei den Amerikanern und immer wieder überraschenden Drehs und Wendungen, sodass einem die 140 Minuten Laufzeit überhaupt nicht lang vorkommen. Neu dagegen sind die wirklich harten Gewaltszenen, die man im Mainstreamkino so explizit schon lange nicht mehr gesehen hat, ob es nun der Mord per Drahtseilschlinge ist, ein Messerkampf oder die Folterung von Frauen. Auf zartbesaitete Zuschauer nimmt der Film definitiv keine Rücksicht.

Natürlich ist es Jennifer Lawrence, die den gesamten Film trägt und der man zudem auch bescheinigen muss, zu den mutigsten Hollywoodstars zu gehören; nach dem kontroversen „mother!“ hätten viele erwartet, dass sie eine Rolle annimmt, die das Publikum nicht schon wieder ratlos und befremdet zurücklässt. Doch auch ihre Agentin ist nicht unbedingt eine Sympathieträgerin; nie kann man sich sicher sein, was genau in ihrem Kopf vorgeht, allen Figuren um sie herum begegnet sie mit einer gewissen Kühle und Distanz. Und mit Ausnahme von Joel Edgertons CIA Agenten, dessen sympathische Erscheinung aber auch nur Fassade sein könnte und natürlich ihrer Mutter, sind ihre weiteren Bezugspersonen zutiefst fragwürdig, wenn nicht gar absolut hassenswert. Vor allem ihr Onkel, der sich nicht davor scheut, seine eigene Nichte foltern zu lassen (Matthias Schoenaerts, dessen Gesicht verblüffend dem eines gewissen Vladimir Putin ähnelt) und Charlotte Rampling als namenlose, bis in die Haarspitzen eiskalte Ausbilderin der „Spatzen“ dürften wohl ebenso lange im Gedächtnis bleiben wie die wohl kontroverseste Szene des Films, über die sich die o.a. „Empörerinnen“ wohl besonders echauffieren werden: Vor der versammelten Klasse fordert die „Lehrerin“ einen der „Schüler“ auf, Dominika zu vergewaltigen, nachdem sein „privater“ Versuch unter der Dusche zuvor fehlgeschlagen ist. Ungerührt zieht sich Dominika aus, lehnt sich mit gespreizten Beinen an ein Pult und fixiert spöttisch das Gemächt des jungen Mannes, der unter diesen Umständen natürlich versagen muss und der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Wahrscheinlich wird auch hier der Vorwurf laut werden, man beute die Sexualität der „armen“ Jennifer Lawrence aus und zwinge sie zu solch einer zutiefst Frauen verachtenden Szene, anstatt zu erkennen, wie stark diese Frau ist und wie sehr der Mann hier zu einem im wahrsten Sinne kümmerlichen Würstchen degradiert wird.

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3 Antworten zu Red Sparrow

  1. Laura Palmer schreibt:

    Harter Tobak…

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  2. Pingback: Red Sparrow | Review | DerStigler

  3. Über weite Strecken ist RED SPARROW ein Drama. Ein sehr erwachsenes Drama. Da gibt es Sex in der Dampfsauna. Eine versuchte Vergewaltigung. Für mich waren es genau diese Szenen, die eigentlich Dominikas Motivation erklären sollen, die so konstruiert wirken. Natürlich folgt man der Protagonistin trotzdem, schließlich ist es Jennifer Lawrence, die da die Hauptrolle spielt, aber so ganz warmgeworden bin ich mit ihrer Figur nicht.

    Hier meine Kritik: http://adoringaudience.de/red-sparrow-2018/

    Gefällt 1 Person

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