Vom Erwachsenenverbot zur Jugendfreigabe

Buchtitel: Vom Erwachsenenverbot zur Jugendfreigabe – Die Filmbewertungen der FSK als Gradmesser des kulturellen Wertewandels
Autor: Michael Humberg  Verlag: Telos Verlag, 2016
Umfang: 307 Seiten, Broschur  ISBN978-3-933060-42-6 Preis: 29.50  Euro

Ein Beitrag unseres sozialethisch orientierten Mitarbeiters Julian Dax:

© Telos Verlag

„Leidenschaftliche Umarmungen, übermäßiges, leidenschaftliches Küssen und anzügliche Gebärden oder Stellungen sollen nicht gezeigt werden; Liebesszenen sind so zu behandeln, dass sie im Zuschauer nicht die niederen geschlechtlichen Triebe anregen.“

Das ist nur ein ganz kleiner Auszug aus dem Entwurf Freiwilliger Kodex der Deutschen Filmindustrie aus dem Jahre 1948. Auch wenn sich die sog. „Freiwillige Selbstkontrolle“ seitdem natürlich in ihren Ansichten grundsätzlich und zwangsläufig gewandelt hat, besteht diese Institution bis zum heutigen Tag und bestimmt nach wie vor, für welche Altersstufe Filme in Deutschland im Kino und Fernsehen sowie auf DVD freigegeben werden.

In seinem Buch Vom Erwachsenenverbot zur Jugendfreigabe – Die Filmbewertungen der FSK – übrigens eine komplett überarbeitete, erweiterte und aktualisierte Version einer Diplomarbeit – beschäftigt sich der Autor Michael Humberg äußerst akribisch mit einem immer noch aktuellen Thema und zeigt anhand unzähliger Beispiele, welche Filme in den vergangenen 70 Jahren Kontroversen ausgelöst und zu heftigen Diskussionen und sogar Bundestagsdebatten geführt haben.

Nach einer kurzen Einführung in das Thema „Geschichte der Filmzensur in Deutschland“ geht Humberg ausführlich auf die „Konzeption, Struktur und Aufgaben der FSK“ ein, zeigt anhand entsprechender Beispiele – ob nun American Pie oder Sleepy Hollow – zu welch unterschiedlicher Auffassung Mitglieder der FSK bezüglich der Altersfreigabe gelangen können und stellt „unterschiedliche Gefährdungspotentiale“ in den Fokus seiner Betrachtungen, wobei hier natürlich den beiden Elementen Sex und Gewalt eine entscheidende Rolle zukommt.
Fazit seiner Betrachtungen ist dabei der massive Wandel der FSK von der „Erfüllungsgehilfin bei der Durchsetzung politischer und kirchlicher Normen auf der Kinoleinwand“ zu einer Einrichtung, der es schon längst nicht mehr darum geht, bestimmte moralische Standards zu setzen und andere zu verurteilen, sondern vor allem darum, Kinder und Jugendliche wenigstens vor den gröbsten Auswüchsen der Filmindustrie zu schützen.

FSK-Karte von 1972

Bemerkenswert an dem Buch sind vor allem zwei Merkmale; für eine wissenschaftliche Abhandlung mit zahlreichen Tabellen und insgesamt 492 (!) Fußnoten ist es nicht nur informativ, sondern auch sehr unterhaltsam. Und positiv fällt auf, dass der Autor gleichermaßen auf sog. künstlerisch wertvolle Filme (Ein andalusischer Hund, Das Schweigen, Die 120 Tage von Sodom etc.) eingeht wie auch auf Filme, die man selbst bei höchstem Wohlwollen nur als Schund bezeichnen kann (Frankensteins Todesrennen, Black Emanuelle – Stunden wilder Lust, Hexen bis aufs Blut gequält etc.). Doch auch dabei überlässt er es weitgehend dem Leser, eine Wertung vorzunehmen.

Im abschließenden alphabetischen Spielfilmregister findet man noch einmal sämtliche im Text und in den Fußnoten erwähnten Filme und kann allein schon bei dieser Durchsicht nur staunen, sich amüsieren und nicht zuletzt auch sein eigenes Filmwissen überprüfen. Welcher Film hatte beispielsweise bei seinem Kinoeinsatz in Deutschland im Jahre 1959 eine FSK-Freigabe ab 18 und kann heute auf DVD mit dem gelben Etikett „ab 6“ käuflich erworben werden? Richtig, es handelt sich um die absolut harmlose Komödie Bettgeflüster, in der sich eine sittenstrenge Architektin (Doris Day) und ein leichtlebiger Playboy (Rock Hudson) notgedrungen eine Telefonleitung teilen müssen. Folgendermaßen urteilte die kirchliche Kritik seinerzeit: „Die moralische Haltung dieses Streifens ist leider nicht ganz einwandfrei. Der in dieser Hinsicht tadellosen Bildgestaltung und der sauberen Grundhaltung der weiblichen Hauptfigur stehen mehrere Anzüglichkeiten in den Gesprächen und die anfechtbaren Äußerungen gegenüber, die der Held über die Ehe von sich gibt.“

Was würden diese Herrschaften wohl über die Flut von heutigen, ausschließlich auf ein jugendliches Publikum zugeschnittenen Filmen sagen, in denen es praktisch ausschließlich darum geht, wer wen wann wo, wie und wie oft ins Bett kriegt – wohlgemerkt alle freigegeben ab 12 Jahren ?!

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