Nur Gott kann mich richten

Land: Deutschland 2017  Laufzeit: 99 min  Regie: Özgür Yildirim
Mit: Moritz Bleibtreu, Edin Hasanovic, Kida Khodr Ramadan, Birgit Minichmayr, Peter Simonischek, Franziska Wulf, Alexandra Maria Lara, Leon Ullrich, Tim Wilde, Kai Ivo Baulitz, Kalias Mahadevan  Kinostart: 25.1.2018

Ein Beitrag unseres Bewährungshelfers  Julian Dax:

© 2017 Constantin Film Verleih GmbH

Die gute Nachricht zuerst: Es gibt sie tatsächlich noch, deutsche Kinofilme, die ohne jegliche finanzielle Unterstützung seitens unserer öffentllich-rechtlicher Sender gedreht werden! Gut deswegen, weil Filmemacher ihren ganz eigenen Film verwirklichen können, ohne dass ständig irgendwelche Bedenkenträger („zu brutal, zu verstörend, zu nihilistisch, usw.“) dazwischen funken. Ein solcher Film ist Nur Gott kann mich richten von Özgür Yildirim.

Vor fünf Jahren hat Ricky (Moritz Bleibtreu) nach einem missglückten Überfall für seinen jüngeren Bruder Rafael (Edin Hasinovic) und seinen Kumpel Latif (Kida Khodr Ramadan) den Kopf hingehalten. Nach Verbüßung seiner Gefängnisstrafe möchte sich Latif erkenntlich zeigen; er hat ein angeblich todsicheres Ding in Aussicht, bei dem es um den Raub von 2,5 Kilo Heroin geht. Mit dem Geld, das für ihn dabei rausspringt, könnte sich Ricky seinen Traum vom eigenen Lokal erfüllen, und so stimmt er nach einigem Zögern zu. Allerdings kommt es schon im Vorfeld zu Komplikationen, und Ricky sieht sich gezwungen, seinen Bruder mit ins Boot zu holen, der sich inzwischen von ihm abgewendet hat und versucht, bürgerlich zu werden, um seine schwangere Freundin heiraten zu können. Ebenfalls ein Problem stellt für Ricky sein Vater (Peter Simonischek) dar, der an beginnender Demenz leidet und für den er sich verantwortlich fühlt. Und dann ist da noch die in Geldnöten steckende Polizistin (Birgit Minichmayr), die wider Willen in die ganze Geschichte verwickelt wird. Innerhalb kürzester Zeit überschlagen sich die Ereignisse, und die Situation für alle Beteiligten gerät zunehmend völlig außer Kontrolle…

Noch einmal: Es ist äußerst lobenswert, dass ein deutscher Genrefilm ohne Einflussnahme von ARD oder ZDF gedreht werden kann. Doch macht ihn das automatisch auch zu einem sehenswerten Film? Im Falle von Nur Gott kann mich richten kann man diese Frage nicht unbedingt uneingeschränkt bejahen, denn dazu sind seine Mängel einfach zu offensichtlich. So sind sämtliche Figuren einfach nicht genug ausgearbeitet, sondern eher wandelnde Klischees, wie man sie bereits aus Dutzenden anderer solcher Filme kennt: zwei verfeindete Brüder, von denen einer wesentlich höher in der Gunst des Vaters steht, eine taffe Polizistin, eine Stripperin, die nebenbei eine Ballettschule betreibt, Gangster mit Migrationshintergrund, die allesamt so aussehen, als seien sie direkt aus einem Comic auf die Leinwand gesprungen – Regisseur und Drehbuchautor Yildirim lässt wirklich so gut wie nichts aus.

Matthias Bolliger / © 2017 Constantin Film Verleih GmbH

Natürlich kommt es in einem reinen Genrefilm nicht unbedingt darauf an, die Charaktere sorgfältig auszuarbeiten, sondern oft genügt eine Skizzierung, doch was in diesem Fall verstimmt, ist der Umstand, dass das Verhalten der Figuren insgesamt keiner nachvollziehbaren Logik folgt, sondern lediglich der Sprunghaftigkeit des Drehbuches. So sieht man bereits in der ersten Szene den vor einem Kruzifix betenden Ricky, der auf seinem Rücken eine großflächige Tätowierung mit religiösen Motiven zeigt. Allerdings erschließt sich dessen Religiosität im Verlauf des Films absolut nicht. Dafür entsteht der Verdacht, der Regisseur sei der Ansicht, dieses Anfangsbild sähe ganz einfach geil aus und passe auch hervorragend zum reißerischen Filmtitel.

Ebenso unstimmig und fahrlässig geht er mit der Figur der Polizistin um. Nicht einmal Birgit Minichmayr, eigentlich eine zuverlässige Schauspielerin, gelingt es, dem verkörperten Klischeecharakter so etwas wie Glaubwürdigkeit zu verleihen: Alleinerziehende Mutter mit kleiner süßer Tochter, die zum Überleben dringend ein neues Herz benötigt, auf der entsprechenden Liste aber ziemlich weit unten steht, begeht eine Verzweiflungstat und eignet sich das Heroin an, um mit dem Erlös ihre Tochter per Bestechung auf einen der vorderen Plätze zu befördern. Das ist bereits des Guten (?) etwas zu viel, aber es kommt noch schlimmer. Wie sie anschließend versucht, das Heroin zu verkaufen, muss man gesehen haben, um es zu glauben. Auch hier kommt beim Zuschauer der Verdacht auf, dem Regisseur gehe es nur um den Effekt, um einen weiteren Konflikt entstehen zu lassen, ganz gleich, ob er zu dem Charaktrer der Figur passt oder nicht.

Auch wenn man gewillt ist, Nur Gott kann mich richten als puren Kintopp zu betrachten und ihm einen gewissen Bonus dafür zugesteht, dass sich jemand in Deutschland überhaupt traut, solch einen Film zu drehen, kann man die Mängel nicht einfach übersehen. Wer sich jedoch an den o.a. Kritikpunkten nicht stört, der bekommt immerhin einen handwerklich sauberen, temporeichen Krimi zu sehen, der sich in den Begegnungen zwischen Vater und Sohn sogar kleine Ruhepausen gönnt.

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Eine Antwort zu Nur Gott kann mich richten

  1. Garcia schreibt:

    Einerseits mag ich, was der Herr Yildirim macht, andererseits habe ich mit genannten negativen Punkten irgendwie gerechnet. Dann setze ich meine Erwartungen mal auf ein gesundes Mindestmaß und werde mir den Film anschauen, um die Macher und den deutschen Independent-Film zu unterstützen!

    Gefällt 1 Person

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