Kinonostalgie/Kinotechnik: Der Bobby

Durch die Umstellung der Kinos auf digitale Projektionstechnik ist ein kleiner Gegenstand völlig in Vergessenheit geraten, der weltweit und jahrzehntelang dafür sorgte, dass die Filme überhaupt auf die Leinwände kamen.

Hölzerne Bobbies aus frühen und auch späten Tagen des Kinos

Die Rede ist vom Bobby, einem kleinen Wickelkern aus Holz oder später Kunststoff, auf dem die Filmstreifen während ihres Transportes oder ihrer Lagerung aufgewickelt wurden…

 

Wir erinnern uns: Der Filmspediteur lieferte meist mittwochs die neuen 35 mm-Kopien an: Jeder Film kam in einem Karton und war auf mehrere Akte unterteilt. Ein Akt – der Ausdruck kommt vom Theater, denn schließlich waren auch die Kinos mal Filmtheater – war etwa 600 Meter lang, das entsprach etwa 18 Minuten Film bei 24 Bildern pro Sekunde. Jeder Akt lang in einer Dose aus Blech oder Kunststoff, manchmal auch in einem flachen quadratischen Karton. Und jeder Akt war auf einem Bobby aufgewickelt:

600 Meter Kinofilm auf einem weißen Plastikbobby – gelagert in einer schicken Kunststoffdose

Zunächst wurden also die einzelnen Akte vom Bobby auf den Filmteller gespult und aneinander gekoppelt – der Vorführer sprach hierbei von Kopie richten oder Kopie aufziehen:

Links Spulentisch, rechts 3fach-Teller

Hatte der Film seine Spielwoche(n) im Kino absolviert, wurde er wieder abgezogen oder getrennt, der Filmspediteur brachte die Kopie dann zum Nachspieler oder ins nächste Zentrallager.

Die Herkunft des Wortes Bobby ist nicht unbedingt geklärt, es könnte beispielsweise vom französischen Wort Bobine abstammen – so wurden Garnspulen in Spinnereien und auch Wickeltrommeln für Förderseile in Bergwerken genannt…

Bobbies für 35 mm-Film aus Kunststoff – Größen und Farben gibt es viele

Viele Trailer erreichten das Kino auf einem Bobby aufgewickelt:

Vorspänne auf Bobbies in ihren schützenden Versandkartons

Und auch Werbefilme wurden auf dem Bobby angeliefert:

35 mm-Film auf Bobby – ziemlich jungfreulich…

Manche älteren Vorführer schwärmten sogar davon, dass sie früher auch schon mal eine Kopie direkt vom Bobby gespielt hätten…
Das war dann der Fall, wenn der Spediteur mittwochs eine Kopie nicht gebracht hatte, sondern der Film erst am Donnerstagnachmittag das Kino erreichte. Hatte der Vorführer dann vor der ersten Vorstellung keine Zeit mehr, den Film zu richten, legte er den Akt mit dem Bobby in den Projektor und ließ die 600 Meter (= 18 Minuten) direkt ablaufen. Natürlich musst dazu eine zweite Maschine zur Überblendung zur Verfügung stehen…

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Eine Antwort zu Kinonostalgie/Kinotechnik: Der Bobby

  1. 11ersfilmkritiken schreibt:

    Sehr schöner Artikel und toll bebildert. Da verfällt man gerne in Nostalgie. Zu Stummfilmzeiten war es wohl ähnlich.

    Gefällt 1 Person

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