Ingrid Bergman – Ein Leben

Buchtitel: Ingrid Bergman – Ein Leben
Autor: Thilo Wydra
Verlag: DVA (Randomhouse), 25. April 2016
Umfang: Gebunden, Schutzumschlag, 752 Seiten, 15,0 x 22,7 cm
ISBN: 978-3-421-04673-4
Preis: € 28,00 [D] | € 28,80 [A] | CHF 36,90, E-Buch: € 22,99

Ein Beitrag von Julian Dax:

In einer Zeit wie der unseren, in der jede mehr oder eher weniger talentierte Eintagsfliege in geradezu inflationärer Weise das Etikett „Superstar“ verpasst bekommt, in der sogar ein vierzehnjähriges Zwillingspärchen, das eigentlich über gar kein anderes „Talent“ verfügt als permanente und penetrante Präsenz in den sog. sozialen Medien, angeblich 10 Millionen Fans in Begeisterung versetzt, in einer solchen Zeit also ist es dringend notwendig innezuhalten und sich die ursprüngliche Bedeutung des Begriffes „Star“ vor Augen führen.

Vielleicht kann einem dabei das soeben erschienene Buch von Thilo Wydra helfen: Ingrid Bergman – Ein Leben, die erste deutschsprachige Biographie dieser Ausnahmekünstlerin seit über 20 Jahren. Das Besondere an diesem Werk ist nicht nur die Tatsache, dass der Autor, der sich u.a. bereits mit Romy Schneider und Grace Kelly beschäftigt hat, nach anfänglichen Schwierigkeiten mit Ingrid Bergmans vier Kindern sehr ausführliche Gespräche führen konnte, sondern als erster Biograph auch uneingeschränkten Zugang erhielt zur sog. „Ingrid Bergman Collection“, die aus 187 Kisten mit der persönlichen Hinterlassenschaft der Schauspielerin besteht, darunter zahlreiche Briefe und Fotos, die man nun zum ersten Mal überhaupt zu sehen bekommt.

Auf 657 Seiten (plus diversen Anhängen) breitet Wydra äußerst akribisch, aber niemals ermüdend, ein Leben voller privater und beruflicher Höhen und Tiefen, um die zwar sattsam bekannte, deshalb jedoch keineswegs falsche Formulierung zu verwenden. Nach einer traurigen Kindheit – ihre deutsche Mutter stirbt, als Ingrid noch keine drei Jahre ist – empfindet sie bereits in jungen Jahren eine tiefe Sehnsucht nach der Schauspielerei und geht unbeirrt ihren Weg, der sie bereits 1938 nach Amerika führt, wo sie mit Regisseuren wie Victor Fleming, Michael Curtiz, vor allem aber Alfred Hitchcock arbeitet. Noch bemerkenswerter erscheint jedoch, dass sie sich strikt weigert, als man von ihr verlangt, diverse Schönheitskorrekturen an sich vornehmen zu lassen, um mehr dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen.

Spätestens 1942, als Casablanca in die Kinos kommt, für viele DER Kultfilm schlechthin, wird Ingrid Bergman zu einer der bekanntesten Schauspielerinnen der Welt, obwohl sie selbst Zeit ihres Lebens verwundert ist über den Erfolg dieses Films. So meint sie noch fast 30 Jahre später in einem ihrer seltenen Fernsehinterviews: „Während der Dreharbeiten hatten wir absolut kein Vertrauen in den Film, weil das Drehbuch so schlecht war. Es wurde ja auch Tag für Tag geschrieben. Nichts daran war klar, und wir wussten überhaupt nicht, wo es hinging. Ich wusste nicht einmal, welchen Mann ich wirklich lieben sollte.“

Breiten Raum nimmt natürlich ihre für damalige Verhältnisse absolut skandalöse Beziehung zum italienischen Regisseur Roberto Rossellini ein. Es ist aus heutiger Sicht kaum mehr vorstellbar, welche Schockwellen es Anfang der Fünfziger vor allem in den USA ausschickte, als bekannt wurde, dass das noch unverheiratete Paar – Bergman hatte sich zwischenzeitlich von ihrem ersten Mann Petter Lindström getrennt – ein Kind erwartete. Renzo Rossellini, ihr Sohn aus dieser Verbindung, meint dazu heute: „Für unsere europäische Kultur ist das etwas anderes als für die amrikanische. Es ist oftmals eine Art Liebe gegen den Rest der Welt. Ingrid und Roberto waren sehr verliebt ineinander, beide. Das war eine Liebe, aus der drei Kinder entstammen und mehrere Meisterwerke der Filmgeschichte.“

Letztlich jedoch verzeiht ihr das prüde Hollywood auch diese Eskapade und Ingrid Bergman kehrt 1956 zurück, um mit Anastasia einen weiteren Triumph zu erringen, der ihr den zweiten Oscar beschert. (Den ersten erhält sie für Gaslight, den dritten 1975 für Mord im Orient-Express)

Bereits 1974 wird bei Ingrid Bergman Brustkrebs diagnostiziert, der zunächst noch erfolgreich behandelt werden kann, doch kehrt die Krankheit Anfang der Achtziger zurück, und nur unter sehr großen Strapazen gelingt es ihr, den zweiteiligen  Fernsehfilm über das Leben der israelischen Premierministerin Golda Meir (A Woman Called Golda) zu Ende zu drehen. Nur wenige Monate nach den Dreharbeiten stirbt Ingrid Bergman am 29. August 1982, ausgerechnet am Tag ihrer Geburt im Jahre 1915.

Wie bereits erwähnt, zeichnet Thilo Wydra ein äußerst genaues Bild der Künstlerin, sowohl als Privatperson als auch als Schauspielerin, wobei er, vor allem bei den Gesprächen mit Pia Lindström und Isabella Rossellini, einer ihrer Zwillingstöchter und selber eine bekannte Schauspielerin, feststellen musste, dass sie konträre Ansichten in Bezug auf ihre Mutter vertreten; ungeachtet ihrer schauspielerischen Qualitäten, beklage Pia den Umstand „eigentlich nur unter ihrer Abwesenheit gelitten“ zu haben, während Isabella ihre Mutter geradezu verkläre. Und dieser Widerspruch, so Wydra, sei auch ein bestimmender Faktor in ihrem Leben gewesen. In einem aktuellen Interview im Deutschlandfunk vom 4. Mai 2017 äußert er sich dazu: „Ja, das ist eben diese Tiefambivalenz oder vielleicht kann man sogar sagen Zerrissenheit, dass sie privat – sie war ja dreimal verheiratet, mit Petter Lindström, mit Roberto Rossellini und am Schluss mit dem großen Theaterproduzenten Lars Schmidt -, dass sie privat sich wirklich von allen etwas hat sagen lassen müssen, dass sie sehr scheu, sehr schüchtern, sehr introvertiert war, sehr melancholisch, auch sehr schwermütig, und sobald es um ihre Arbeit ging, war sie selbstbestimmt, war sie unabhängig, war sie regelrecht determiniert und hat sich von nichts und niemandem hereinreden lassen.“

Ingrid Bergman war und bleibt ein Star im ursprünglichen Sinne des Wortes, eine Frau, die zahlreiche Widerstände überwinden musste, um an die Spitze zu kommen und deren wohl bekanntestes Zitat sehr viel über sie aussagt: „Ich bereue nichts, was ich im Leben getan habe, ich bereue nur, was ich nicht getan habe.“


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