Carrie Fisher – Vom Erwachen der Nacht

Buchtitel: Vom Erwachen der Nacht – Mein verrücktes Leben zwischen Drogen, Depressionen und einem schwulen Ehemann
Originaltitel: Wishful Drinking
Autor: Carrie Fisher, Elisabeth Liebl (Übersetzung)
Verlag: mvgverlag, Januar 2016
Umfang: Softcover, 160 Seiten
ISBN: 978-3-86882-680-7
Preis: € 9.99, E-Book: € 8.99

Ein Beitrag von Julian Dax:

carrie-fisher-vom-erwachen-der-nacht„Wishful Drinking“ lautet der ebenso schlichte wie zutreffende Originaltitel von Carrie Fishers 2008 erschienener Autobiographie.
Natürlich hätte man dieses Wortspiel, abgeleitet von „wishful thinking“ (= Wunschdenken) sehr gut ins Deutsche (= „Wunschtrinken“) übertragen  können, denn dann wäre wenigstens der Witz intakt geblieben, den Carrie Fisher hier auf ihre eigene Kosten macht.
Doch irgendjemandem muss dieser Titel wohl nicht knallig genug erschienen sein, und so prangt nun auf der Titelseite allen Ernstes folgender Text: „Prinzessin Leia“ Carrie Fisher – Vom Erwachen der Nacht – Mein verrücktes Leben zwischen Drogen, Depressionen und einem schwulen Ehemann,  was zum Fremdschämen animiert, wird doch der Leser als  zu doof erachtet, um zu verstehen, worum es hier geht.

Erfreulicherweise setzt sich diese Verhunzung – mitsamt dem im Vergleich zur englischsprachigen Originalausgabe absolut nichtssagenden Titelfoto – nicht auch in der deutschen Übersetzung fort; ganz im Gegenteil, Elisabeth Liebl muss man bescheinigen, dass sie Carrie Fishers ganz besonderen Schreibstil mit all den Gedankensprüngen, kurzen Einschüben sowie entsprechenden umgangssprachlichen Formulierungen und sarkastischem Wortwitz überzeugend ins Deutsche übertragen hat.

In einer Einführung und insgesamt 11 Kapiteln schildert die Autorin ihre Kindheit, Jugend, frühen Starruhm, vor allem aber ihre diversen Krisen und Katastrophen, in erster Linie ausgelöst von einer zu spät diagnostizierten bipolaren Störung, deren aus heutiger Sicht barbarisch anmutenden Behandlungsmethode namens EKT (= Elektro-konvulsionstherapie) sowie die Flucht in alle möglichen legalen und illegalen Substanzen, vor allem Alkohol. Basierend auf ihrem ebenfalls „Wishful Drinking“ betitelten Bühnenprogramm, zeichnen beides – Buch und Theater – Carrie Fishers „Leia-lastiges Leben“ nach, mit dem Ziel, ihr „früheres Leben zurückzuerobern, zumindest jenen Teil, der von der Elektrokonvulsionstherapie nicht getilgt wurde“, wie sie es selbst ausdrückt.

Und es ist genau dieser lakonische Ton, der die gesamte Autobiographie durchzieht und den Leser von Anfang an für sie Partei ergreifen lässt; ganz gleich, welche Katastrophe gerade über sie hereinbricht , niemals ergeht sich Carrie Fisher in Selbstmitleid oder sucht die Schuld für ihre Probleme bei ihren Mitmenschen, obwohl sie dazu immer wieder allen Grund hätte. Ihre Geburt z.B. beschreibt sie wie folgt: „Also schwirrten alle Ärzte um ihr hübsches Köpfchen herum und sagten: „Ach, Debbie Reynolds, wie sie schläft. Ist sie nicht wunderschön?“ Mein Vater hingegen richtete den Blick auf den Geburtskanal, in dem sich mein Kopf zeigte – mit der Plazenta und all dem anderen Zeugs -, und fiel prompt in Ohnmacht. Daraufhin rannten alle Krankenschwestern zu ihm und flöteten: „Oh, mein Gott, da ist ja Eddie Fisher, der Sänger. Er ist ohmächtig geworden. Sehen wir doch mal nach ihm!“ Als ich zur Welt kam, kümmerte sich vermutlich keine Menschenseele um mich! Genau das habe ich in all den Jahren  seit meiner Geburt wettzumachen versucht. Selbst dieses Buch ist ein armseliger Schrei nach der Aufmerksamkeit, die ich als Neugeborenes nicht erhalten habe.“

Von besonderem Interesse dürfte für die meisten Leser wohl Kapitel 5 („Prinzessin Leia multipliziert sich“) darstellen, in dem sie sich über alles und jeden lustig macht, der irgendetwas mit „Star Wars“ zu tun hat, sich selbst natürlich eingeschlossen. Ihre „unfassbar idiotische Haartracht“ findet dabei ebenso Erwähnung wie der Umstand, dass es im Weltraum offensichtlich keine Unterwäsche gibt und George Lucas ihr daher untersagte einen BH zu tragen und ihre Brüste stattdessen mit Klebeband in Schach zu halten versuchte. Und die einzigen Regieanweisungen, die aus dessen Munde kamen, bestanden aus den zwei Worten „schneller!“ und „intensiver!“. Kein Wunder also, dass die drei Hauptdarsteller immer wieder auf originelle Ideen kamen, um sich die Dreharbeiten irgendwie zu versüßen…

Angesichts Carrie Fishers überraschenden Todes vergangenen Dezember mutet dagegen folgende Passage geradezu gespenstisch an: „Ich sage meinen jungen Freunden ja immer, dass sie eines Tages beim Poolbilliard in irgendeiner Bar sein werden, wenn auf dem Fernsehschirm ein Bild von Prinzessin Leia erscheint – mit zwei Daten darunter. Dann werden alle sagen: „Wow! Genau das hat sie immer prophezeit.“ Und dann werden sie weiter spielen.“

Wenn Sie nun zu den bedingungslosen „Star Wars“- Fans gehören, die all den Merchandisingkram akribisch sammeln – der PEZ-Spender mit dem Kopf von Leia hat es Carrie Fisher besonders angetan! – ist das Buch eher weniger für Sie gedacht, da die Autorin aus diesem aufgeblasenen Gedöns, zu dem „Star Wars“ mutiert ist, ganz gehörig die Luft rauslässt. Allein schon ihr Fazit auf Seite 152 ist einfach göttlich! Sollten Sie jedoch an einer ebenso originellen wie kurzweiligen, vor allem aber äußerst ehrlichen Lebensgeschichte interessiert sein, dann lesen Sie bitte Carrie Fishers Autobiographie.

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