ELLE

Land: Frankreich/Deutschland/Belgien 2016
Laufzeit: 130 min
Regie: Paul Verhoeven
Mit: Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Christian Berkel, Anne Consigny, Charles Berning
Kinostart: 16.2.2017

Ein Beitrag unseres Frauenverstehers Julian Dax:

elle-poster

MFA +

Sex und Gewalt, gerne auch in Kombination, sind die vorherrschenden Themen des mittlerweile 78-jährigen holländischen Regisseurs Paul Verhoeven. Bereits in seinen ersten, in Holland entstandenen Filmen, so z.B. in Türkische Früchte oder Der vierte Mann brachte Verhoeven Moralapostel aller Schattierungen derart gegen sich auf, dass die Filme oft nur mit Schnitten in die Kinos kamen. So durfte z.B. Der vierte Mann bei uns erst erscheinen, nachdem – aufgrund massiver Proteste der katholischen Kirche – eine Szene entfernt wurde, in der die Hauptfigur einen Jesus mit knapper roter Badehose am Kreuz imaginiert.

Auch die besonders prüden Amerikaner brachte Verhoeven in Rage, als er 1992 in Hollywood Basic Instinct drehte; heute noch bekommen so manche Filmfreunde große Augen bei der Erwähnung der Verhörszene. Und die Gewaltschraube zog er in Filmen wie Robocop, Total Recall oder Starship Troopers – allesamt böse Satiren auf die USA – ganz gehörig an. Zurück in Europa, folgte 2005 das während des Zweiten Weltkriegs spielende Drama Black Book, mit dem er wieder einmal manchen Zuschauern auf die Zehen trat. Eine Jüdin verliebt sich in einen SS-Mann – das ist natürlich politisch völlig unkorrekt und zu viel für manche!

In einem Interview, das Verhoeven am 12.4.2009 anlässlich der Veröffentlichung seines Buches „Jesus – Die Geschichte eine Menschen“ (!!!) dem „Tagesspiegel“ gab, antwortete er auf die Frage Sie gelten als Mann für Sexskandale auf der Leinwand. Provozieren Sie gern? mit folgenden Worten: Ich zeige gern die Realität. Und dafür nehme ich Provokation in Kauf. Warum soll man Sex nicht zeigen? Sex ist vielleicht das Wichtigste für alle Lebewesen. Liebe ist doch nur ein Trick der Natur, um das Fortbestehen zu gewährleisten.

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MFA +

Und so verwundert es nicht, dass auch Elle, Verhoevens erster französischsprachiger Film, bereits bei seiner Premiere im Rahmen der Filmfestspiele in Cannes 2016 für erhitzte Diskussionen sorgte und dem Regisseur wieder einmal der Vorwurf von Frauenfeindlichkeit einbrachte.
Worum geht es? Michèle ist Chefin einer sehr erfolgreichen Firma für Computerspiele. Sie wirkt streng und unnahbar, doch ausgerechnet ihr widerfährt der Alptraum wohl jeder Frau: am helllichten Tag wird sie in ihrem luxuriösen Haus, in dem sie allein mit einer Katze lebt, von einem maskierten Mann überfallen, brutal zusammengeschlagen und vergewaltigt. Zum Erstaunen des Zuschauers aber verständigt sie nach dem Verschwinden des Täters nicht die Polizei, sondern räumt erst einmal systematisch alles auf und nimmt ein heißes Bad. Auch ihre wenigen Freunde und Verwandte, denen sie von dem Vorfall erzählt, sind mehr als verwundert über ihr Verhalten, aber Michèle macht ihnen klar, sie habe ihre Gründe. Offensichtlich will sie ihren Angreifer, der sich auch in der Folge mehrmals mit obszönen Nachrichten bei ihr meldet, ganz allein zur Strecke bringen. Doch noch während man überlegt, ob nun eine Art verspäteter, da vor allem in den Siebzigern populärer sog. „Rape-Revenge-Thriller“ folgt (Eine Frau sieht Rot), entwickelt sich der Film in eine vollkommen andere, vor allem unerwartete Richtung…

Elle, den Frankreich als Oscar-Beitrag 2017 in der Sparte „bester ausländischer Film“ eingereicht hat, zeigt erneut, dass Verhoeven absolut nichts verlernt hat und nach wie vor kein Tabu scheut, um seine Geschichte – übrigens die Adaption des Romans „Oh…“ von dem französischen Autor Philippe Dijan – auf den abgründigen Punkt zu bringen. Dabei helfen ihm die ausgezeichneten Darsteller – allen voran natürlilch die mehr als mutige Isabelle Huppert – sowie das pointierte Drehbuch, das bei aller Ernsthaftigkeit der Thematik auch etliche ausgesprochen komischen Elemente enthält.
Jedenfalls vergehen die 130 Minuten wie im Flug und man verlässt das Kino und ertappt sich bei dem Gedanken, wie die Protagonisten ihr Leben wohl weiterführen werden. Gibt es ein größeres Kompliment für einen Film?

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