Filme synchronisieren – Interview mit Marieke Oeffinger

© Matthias Scheuer, 2015

© Matthias Scheuer, 2015

Im Gegensatz zu anderen Ländern ist es in Deutschland üblich, Filme in fremden Sprachen für das hiesige Publikum zu synchronisieren, da die Akzeptanz von Untertiteln nur gering ist.
Das heißt in der Praxis, dass deutsche Sprecher/innen  die originalen Dialoge möglichst lippensynchron durch deutsche Sprache ersetzen.

Da mich das Thema als langjähriger Kinogänger schon immer interessiert hat, habe ich der professionellen Synchronsprecherin Marieke Oeffinger (37) ein paar Fragen gestellt.

Sie war unter anderem in den Kinofilmen Der kleine Tod. Eine Komödie über Sex, Die Tribute von Panem – Mockingjay 1, Machete Kills, Ella und der Superstar, 5 Zimmer, Küche, Sarg oder The Imitation Game zu hören.

Damit Sie einen Eindruck von ihrer Stimme bekommen:
Im Film Eine neue Freundin von François Ozon ist Marieke als Claire zu hören:


Hallo Marieke, wie kommt man eigentlich dazu, Filme zu synchronisieren?

😀 Naja, am besten macht man ’ne Schauspielausbildung (Synchron ist immerhin ein Aspekt des Schauspielberufs) und dann bewirbt man sich bei den Synchronstudios. Und wenn man dann gut genug ist, dann darf man auch Filme synchronisieren.
Vorher wird man allerdings erstmal in kleineren Filmen oder Serien in die Menge gepackt und darf Hintergründe machen oder mal 1 –  2 Sätze sprechen. Und wenn man sich dann sicherer fühlt, das Prinzip verstanden hat und gut vorm Mikro spielen und Regieanweisungen umsetzen darf, dann bekommt man immer größere Rollen. So ungefähr läuft’s 😉

Hast du Sprechunterricht gehabt oder warst du auf einer Sprechschule?

Ich habe eine Schauspielausbildung und da ist die Sprecherziehung ein Aspekt. Zusätzlich war ich nach dem Abi auf ’ner Medienschule und hab dort ’n Synchron-Seminar bei einem sehr guten Lehrer gehabt.

In welchem Alter hast du deinen ersten Film gesprochen?

Ich war, glaube ich 23, als ich für meinen ersten Take gebucht wurde (… ist in der Branche durchaus spät).

Wieviele Filme sprichst du so im Jahr ein?

Puuuh! Schwer zu sagen. Ist auch unterschiedlich. Es gibt Phasen, da laufen mehr Serien, dann wieder mehr Filme. Aber ich denke so an die 20 – 30?

Passiert das heimatnah oder musst du in verschiedene Studios in Deutschland reisen?

Die Studios konzentrieren sich auf Berlin und München und in Köln und Hamburg gibt es auch ne kleine Branche. Ich pendel zwischen Berlin und München.

Kriegst du vorher ein Drehbuch der deutschen Dialoge?

Nein, ich hab glaube ich, bisher erst 4x im Vorfeld Material (Bild und Text) bekommen, Narnia 2 durfte ich mir in der Firma auf einen kleinen Röhrenfernseher in schwarz/weiß anschauen 😉

Kriegst du nur deinen oder den gesamten Synchrontext?

Wenn ich vorher Material bekommen habe, dann natürlich immer das Ganze, denn da geht es ja drum, sich ein Bild von der Produktion zu machen.

Wenn auf der Leinwand Dialoge zu hören sind, werden diese von mehreren Sprechern gemeinsam im Wechsel aufgenommen oder jeder spricht seinen Text alleine im Studio?

Leider ist es mittlerweile so, dass man fast immer allein im Studio steht, was sehr schade ist. Der Regisseur ist dann derjenige, der darauf achten muss, dass es später so klingt, als wenn sich die Leute miteinander unterhalten. Als Sprecherin im Studio muss ich mich deshalb quasi an meinen fremdländischen Kollegen im Original orientieren.

Sprichst du deinen Text bevorzugt alleine im Studio ein oder ist es dir lieber, wenn du Dialogpartner mit im Studio hast und mit ihnen agieren kannst?

Ich mag es lieber, wenn ich mit meiner/m Kollegin/en zusammen im Studio bin. Das spielt sich schöner.

Wieviele Tage arbeitest du an einem Kinofilm von 90 Minuten?

Kommt drauf an, wie viel meine Rolle quatscht. Für Gimme Shelter war ich zum Beispiel 4 Tage im Studio. Kann aber auch sein, dass ich nach einem Tag durch bin.

Stehst du dazu 8 Stunden am Stück im Studio?

Nein, weil das doch sehr anstrengend ist und höchste Konzentration erfordert.

Wie oft musst du durchschnittlich eine Einstellung sprechen, bis der Regisseur zufrieden ist?

Kommt auf den Take drauf an. Das kann mal flutschen und alles sitzt beim ersten Mal, aber im Durchschnitt würde ich sagen 2 – 4 Mal. Kann aber auch mal passieren, dass man einen Take 10 – 12 Mal machen muss, bis alle glücklich sind.

Gab es schon Fälle, in denen es ewig lang gedauert hat, bis dein Text korrekt im Kasten war?

Ewig nicht 😉 aber durchaus schon mal länger.

Kriegst du den Originalton zu hören, damit du einen Eindruck von Stimmlage und Stimmung deines Charakters bekommst?

Unbedingt!!! Ich höre das Original immer erst einmal. Ohne geht gar nicht! Genau aus dem Grund. Ich muss ja wissen, was meine Kollegin gemacht hat. Und wenn ich mir wegen irgendwas nicht sicher bin, dann kann ich ihn mir auch nochmal anhören.

Siehst du den zu synchronisierenden Film vorher in der Originalfassung, damit du weißt, um was es überhaupt geht?

Nein, den ganzen Film so gut wie nie (wie gesagt … gab bisher nur 4 Ausnahmen).
Bei großen Rollen schaut man sich mal ’ne etwas längere Szene direkt im Studio an, um ein Gefühl für die Rolle zu bekommen.

© Matthias Scheuer, 2015

© Matthias Scheuer, 2015

Kann es vorkommen, dass man kurzfristig Wörter oder Sätze abändert, um sie besser lippensynchron hinzubekommen?

Klar, das kommt durchaus vor. Wobei es meist eher um die Länge geht. Dass der Text mal zu kurz oder zu lang ist. Aber grundsätzlich ist es so, dass die Bücher ja vorher gecheckt werden und vom Synchronautor auch so getextet sind, dass eigentlich alles passt (… oder passen sollte).

Werden die Synchronaufnahmen chronologisch vorgenommen?

Für die einzelnen Figuren, ja. Aber da ja die Sprecher nacheinander bestellt werden, springt man aus Sicht der Regie natürlich durch’s Buch.

Was oder welche Szenen findest du besonders schwer beim Synchronisieren?

Dramatische Szenen, die kurzatmig gespielt sind, in denen viele Atmer vorkommen, die dann ja alle getroffen werden müssen. Das geht ordentlich auf’s Zwerchfell 😉
Und Bettszenen manchmal auch. Auch wegen der Atmer und dem Rhythmus.

Was sprichst du lieber: Kinofilme, Fernsehfilme oder TV-Serien?

Für die Arbeit macht das für mich keinen Unterschied, da ich an alle Projekte mit dem gleichen Anspruch an mich rangehe. Sicher sind Kinofilme vielleicht aufwendiger produziert, die Stories ausgefeilter entwickelt, aber dann überrascht dich ein Fernsehfilm oder ich bekommt eine Episodenrolle in der Serie, die total Spaß macht. Ich würde da keine Präferenz setzen.

Macht es für dich einen Unterschied, ob du eine englische, finnische oder südkoreanische Frau synchronisierst?

Der Unterschied ist in erster Linie natürlich, dass ich finnisch und südkoreanisch im Original nicht verstehe, ich mich also auf eine korrekte Übersetzung verlassen muss. Damit kann ich natürlich auch nicht beurteilen, wo in der Sprache Akzente oder Betonungen liegen. Das muss ich dann aus Mimik und Gestik sowie dem deutschen Text lesen.

Wenn du einen Charakter mit Akzent oder Dialekt sprechen musst, wie bereitest du dich da vor? Dauern solche Aufnahmen länger (mehr Takes)?

Das kommt eher selten vor, aber da hilft mir meine generelle Sprachaffinität und dass man sich dann an einem fremdländischen Sprachrhythmus und Melodiebogen sowie Stimmsitz orientieren kann. Das bekomm ich aber vorher gesagt, so dass ich mir Sprachfiles oder Filmszenen aus nem Film in der jeweiligen Sprache anschauen könnte. Aber französischen, italienischen, spanischen oder russischen Akzent kann ich auch so.
Dialekt im Synchron ist mir persönlich noch nie begegnet.

Hast du schon einmal ein kleines Kind synchronisieren müssen? Was ist dabei das Schwierigste?

Ich hab mal ’n 5jährigen Jungen gesprochen mit so 4 – 5 Sätzen. Das darf halt nicht künstlich oder gequetscht rüberkommen. Da ist das wichtigste, dass man mit den Körperresonanzen arbeitet, genauer gesagt eigentlich nur die Kopfresonanzen nutzt.

Wirst du gezielt für bestimmte Darstellerinnen gebucht (so wie Christian Brücker immer Robert De Niro seine Stimme leiht)?

Ja, ich spreche eigentlich fast immer Vanessa Hudgens und auch Natalie Dormer. Emilie Osment auch, aber die wurde länger nicht synchronisiert.

Wie kriegst du deine Aufträge? Melden sich die Studios bei dir?

Genau, grundlegend kennen mich alle und wenn die Firmen ein Projekt auf den Tisch bekommen, machen sie die Besetzungen und wenn ich auf ne Rolle passen könnte, dann fragen sie an.

Wirst du pauschal für einen Film bezahlt oder richtet sich dein Gehalt nach dem zeitlichen Aufwand?

Das richtet sich nach meinem Pensum, genauer gesagt nach der Anzahl der Takes.

Hast du eine Ahnung, wieviele Synchronsprecher/innen es in Deutschland gibt?

Nee, ehrlich gesagt nicht. Wie viele sind’s?

Mir ist in den letzten Jahren verstärkt aufgefallen, dass man bei Blogbuster-Filmen häufiger Promis (Otto, Lena, Martina Hill…) als Profis einsetzt. Wie stehst du dazu?

Das kann ganz wunderbar funktionieren oder auch mal fürchterlich in die Hose gehen. Grundlegend wird das aus PR-Zwecken gemacht. Man sollte halt meiner Meinung nach nicht jeden nehmen, nur weil’s thematisch irgendwie passt. Wenn jemand das vom Spiel gar nicht rüber bringen kann, geht viel verloren, aber Otto z.B. ist in Ice Age einfach toll und passt perfekt.

Die meisten Kinozuschauer sind schon aus dem Saal, wenn am Ende des Abspanns manchmal die deutschen Sprecher genannt werden. Wie findest du das?

Die meisten sind draußen, bevor alle Darsteller genannt sind. Ich finde es irgendwie eine Missachtung. Ein Film ist mehr als nur die Schauspieler. Auch Licht, Ton, Maske, Requisite, ………   bis zum Fahrer tragen dazu bei.
Und um mal realistisch zu sein, bei den allerwenigsten Filmen werden die Sprecher genannt. Es gibt da zwar mittlerweile ein Urteil, aber so genau wird sich da noch nicht dran gehalten.

Vielen Dank für das Interview.


Den Blog von Marieke Oeffinger finden Sie hier.

Marieke war auch in diesen Filmen zu hören:

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter > Kinotechnik abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Filme synchronisieren – Interview mit Marieke Oeffinger

  1. Sajuri schreibt:

    Sehr interessantes Interview! Danke für die spannenden Einblicke!

    Gefällt 1 Person

  2. Laura Palmer schreibt:

    Klasse Beitrag, der wieder einmal beweist, dass auch Blogger gute Journalisten sein können 😉

    Gefällt 1 Person

  3. Sajuri schreibt:

    Hat dies auf flimmerkistendialog rebloggt.

    Gefällt mir

  4. Olinator schreibt:

    Wie wohl für die meisten, die hier registriert sind, hatte Kino für mich von Anfang an etwas Magisches. Meine ersten Kinoerlebnisse als 5-Jähriger verdanke ich Filmen aus den 60ern, die in den 70ern in meiner Heimatstadt als Wiederholung auf die Leinwand kamen: „Der Titan mit der eisernen Faust“, „Old Surehand“ und „U 4000 – Panik unter dem Ozean“ (man beachte die schöne Genrevielfalt), dazu noch irgendein zeitgenössischer japanischer Monsterfilm mit prähistorischen Ungetümen zu Wasser, zu Lande und in der Luft, keine Ahnung, wie der hieß. In der Programmzeitschrift meines Elternhauses, der ich auch heute noch treu bin, führte man bis in die 1980er in der bei bekannteren Spielfilmen üblicherweise angegebenen kurzen Darstellerliste auch noch die sogenannten „Sprecher“ auf, in einer jeweiligen Extrazeile unter dem Darsteller und im Kursivdruck . Natürlich wollte ich wissen, was das ist („Hä? Wozu denn noch ein „Sprecher“? Können die Schauspieler denn nicht alleine sprechen?“ – Kinderdenken halt). So war ich auch bald mit dem Prinzip der Synchronisation vertraut und machte mir immer mehr einen Spaß daraus, deutsche Stimmen in synchronisierten Filmen in meinem Kopf abzuspeichern und wiederzuerkennen. Schon bald verknüpfte ich die Stimmen auch mit Namen, die ich mir merkte, soweit ich konnte (und dann die Historie im Wandel der Zeit verfolgte… Joachim Kerzel ersetzte Manfred Schott bei Jack Nicholson und Dustin Hoffman, Joachim Tennstedt trat die Nachfolge von Ulrich Gressieker und Arne Elsholtz an und bediente seitdem Patrick Swayze und Tom Hanks etc.). So wurde aus dem Spaß eine Art Leidenschaft. Einen schönen Moment erlebte ich vor vielen Jahren, als ich im TV eine Quizsendung mit immer wieder wechselnden Wissensgebieten sah, zu denen einmal auch Synchronstimmen zählten. Als nach der Synchronstimme von Jack Lemmon gefragt wurde, ließ ich sie mir in diesem Moment nur aus der Erinnerung durch den Kopf gehen und tippte auf Georg Thomalla. Volltreffer! Mann, war ich stolz – und das so einer Banalität wegen! Naja, gegen die Macht der individuellen Faszination ist halt kein Kraut gewachsen. Darum ist für mich so etwas wie das gnadenlos ausharrende Checken des Abspanns im Kino längst Pflicht. Gerade die Hollywood-Blockbuster sind da sehr einfallsreich. „Guardians of the Galaxy II“; über den ich mich anderweitig schon positiv äußerte, brachte ganze 5 (!) Szenen in dem auch ansonsten pfiffig gestalteten Abspann unter, die tatsächlich alle witzig waren. Da lohnt sich das entspannte Verweilen! Das Thema existiert ja bereits unter https://kinogucker.wordpress.com/2017/01/04/nachspaenne-im-kino-bleiben-sie-sitzen/ Schade nur, dass die deutschen Synchronstimmen, die erst ganz am Ende kommen, immer nur sehr kurz zu sehen sind, so dass man die Liste unmöglich komplett lesen kann. Wenn man dann noch mit einer nagenden offenen Frage den Saal verlässt, muss man das halt schnell nachgoogeln, damit die innere Datenbank auch ja up to date bleibt („War das jetzt der/die, nach dem/der sich das angehört hatte oder nicht…?“). Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Vielfalt der deutschen Synchronstimmen einzigartig ist. Wenn ich nur an Arnold Marquis, Michael Chevalier oder die Familie Petruo denke… Solche markigen Stimmen sucht man anderswo vergebens. Ein auf jeden Fall sehr interessantes Gebiet, das noch einiges mehr an Würdigung vertragen könnte. Das Abdrucken solcher Interviews wie oben ist da ein guter Anfang.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s