Ich bin tot, macht was draus!

Originaltitel: Je suis mort mais j’ai des amis
Land:
Belgien/Frankreich 2014/15
Laufzeit: 96 min
Regie: Guillaume & Stéphane Malandrin
Darsteller/innen: Bouli Lanners, Wim Willaert, Lyès Salem, Serge Riaboukine
Kinostart: 28.4.2016

© Camino

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Für die Altrocker der belgischen Band Grand Ours (= Große Bären) ging ein Traum in Erfüllung: endlich eine Tour durch die USA! Und vielleicht der späte Erfolg…
Doch kurz vor der Reise stirbt der Sänger, also stibitzen die bärtigen Musiker die Urne mit seiner Asche und treten die Tour trotzdem an. Mit von der Partie ist der plötzlich aufgetauchte arabische Liebhaber des Verstorbenen. Doch die Reise durchs Land der unbegrenzten Möglichkeiten entpuppt sich als Ansammlung komischer Momente

Ich bin tot, macht was draus! ist ein sympathisches Roadmovie, das von seinen  tollpatschigen Figuren, vielen schrägen Ideen und einem durchgehend leisen Hunor lebt. Die Geschichte erzählt die Abenteuer ihrer Verlierertypen auf eher unkonventionelle, aber immer witzige Art. Und liefert nebenbei noch Informationen zu Pete Best, dem fünften Beatle.

© Camino

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Es ist die zweite Zusammenarbeit der Brüder Guillaume und Stéphane Malandrin, die 2009 mit Où est la main de l’homme sans tête ihr Regiedebüt gaben.

Aus einem Interview (Quelle: Presseheft des Camino-Verleihes):

Um was geht es in „Ich bin tot, macht was draus!“ für Sie?

Guillaume: Um Laurel und Hardy, zwei Belgier mit Elektrogitarren…
Stéphane: Es ist eine Komödie über die Verweigerung des Verlusts, und dem Gegenstück
dazu, der Blindheit. Yvan ist Schlagzeuger einer Rockband. Er verliert seinen besten Freund und weigert sich, sich einzugestehen, dass dieser Verlust es durchaus rechtfertigen würde, die geplanten gemeinsamen Konzerte in Los Angeles abzusagen. Er ist so überzeugt davon, dass er es schafft, den Rest der Band an Bord zu holen. Als dann aber die Realität die Oberhand gewinnt, kommt der tiefe Fall. Diese Geschichte schafft es aber, den Zuschauer zum Lachen zu bringen, statt ihn traurig zu stimmen.
Guillaume: Genau gesehen ist die Thematik die gleiche wie in „Où est la main de l’homme sans tête“: die Hauptperson weigert sich, der Realität ins Gesicht zu blicken.
Im Verlauf des Films gerät er in ein Labyrinth, in dem er gezwungen wird, die Augen
zu öffnen. Nur ist das Labyrinth diesmal ein komisches.
Stéphane: Ursprünglich ging es bei dem Projekt „Ich bin tot, macht was draus!“ darum,
Yvan keines seiner Ziele erreichen zu lassen. Sobald er etwas machen will, versperrt ihm die Realität den Weg. Er will nach Los Angeles und landet in der Arktis von Quebec. Er will mit dem Flugzeug fliegen und landet ihm Zug. Er träumt davon, mit einem Cadillac über den Sunset Boulevard zu fahren und läuft letztendlich zu Fuß durch Schefferville. Er träumt von einer Reise mit seinen Freunden und hat stattdessen einen schwulen Soldaten mit Schnauzer am Hals, den er noch nie zuvor gesehen hat.

Geht es in dem Film um Homosexualität?

Stéphane: Überhaupt nicht. Ich erzähle Ihnen eine kurze Anekdote. Als wir das Drehbuch der belgischen Auswahlkommission für die finanzielle Unterstützung von Filmproduktionen zum ersten Mal vorstellten, wurden wir abgewiesen. Eines der Kommissionsmitglieder sagte uns: „Die Figur Dany ist homosexuell, arabischer Herkunft und vom Militär – alles in einem! Das ist zu viel! Wir raten Ihnen, in der nächsten Fassung zumindest eine der Eigenschaften wegzulassen.“ Geändert haben wir nichts …
Guillaume: Er stammt aus dem arabischen Raum, das stimmt. Und? Muss denn ein Araber alle Klischees über Araber erfüllen und ein Homosexueller alle Klischees über
Homosexuelle, damit es lustig ist? Wir finden nicht. Das Komische findet man nicht
da, wo man es zu finden erwartet. Es ist kein klassischer Buddy-Movie, bei dem die Komödie die Gegensätzlichkeit der Figuren braucht, um die Handlung voran zu treiben.
In „Ich bin tot, macht was draus!“ haben wir Spaß daran, Klischees und Rollen umzudrehen. Yvan, der Punk, ist in Wahrheit viel konservativer, als er glauben will;
der homosexuelle Soldat viel eher ein Punk, als man erwartet.
Stéphane: Es ist eigentlich ein Film voller Clowns. Wim ist der Trottel, der immer eine
Katastrophe auslöst und Yvan – der selbst ein Clown ist – zur Weißglut treibt. Yvan
ist autoritär und sehr direkt, was zu seinem aufrechten Charakter passt.

Warum sind die Figuren Rocker? Erzählen Sie uns etwas zur Musik in „Ich bin tot, macht was draus!“

Guillaume: Jipé ist der Sänger der Band und wird von Jacky Lambert gespielt, der
schon in mehreren Bands gespielt hat, u. a. Périphérique Est, eine Garagen Punk
Band. Wir waren oft auf ihren Konzerten und mochten die Atmosphäre und die Leute,
die dort waren, und ihre Einstellung zur Zeit; dass sie auch mit 40 oder 50 noch wie
mit 17 leben und überzeugt sind, dass man auch in diesem Alter noch Rocker oder
Punk sein kann; die damit verbundenen Werte sind sehr stark und erfordern auch
einige Opfer — mehr noch, als bei den Zisterzienser Mönchen (lacht)! Es ist die Welt
von Jacky Lambert, die unsere Charaktere inspirierte … schließlich wurde das verrückte
Abenteuer daraus, das Stéphane und ich uns vorgestellt hatten.
Darauf kommen wir noch. Aber zurück zur Musik. Was stand zur Auswahl?
Guillaume: Sourire beriet uns bei der musikalischen Produktion des Films. Mit ihm
entschieden wir uns recht schnell, dass die Originalband mit den Figuren mithalten
können und die Musik, 30 Jahre Leidenschaft für diese Musikrichtung, die wahre
Schätze hervor gebracht hat, ausdrücken muss. Die Musik sollte zu ihnen passen.
Daher hatten wir weder Interesse daran, noch hätten wir die Mittel gehabt, die Ramones oder Iggy Pop für den Film zu gewinnen. Wir wollten, dass auch kurze Textstücke auf Französisch dabei sind, die näher an den Figuren sind, aktueller, aber auch etwas aus den 70ern und 80ern, also gingen wir dieser Idee nach. Während der Bildmontage mit Yannick Leroy waren wir mit unserem Laptop ständig auf der Internetseite des Labels Born Bad Records. Dort fanden wir unsere musikalischen Schätze, da man am Inhaber des Labels, Jean-Baptiste Guillot, und seiner Rückkehr zum französischen Rock einfach nicht vorbei kam! So wurden die Olivensteins, Cheveu, Les Cavaliers, Cobra zu einem Teil von „Ich bin tot, macht was draus!“. Wir sind wirklich stolz auf diese Originalband, die richtig abgeht!

Wie läuft das Schreiben und Filmen zu zweit?

Guillaume: Wir arbeiten abwechselnd – ich an den Tagen mit gerader Zahl, Stéphane
an den ungeraden, wie die Dardenne-Brüder (lacht)… Jeder hat seine Vorlieben und
seine Ausbildung. Ich habe Fotografie an der INSAS in Belgien studiert, Stéphane
Philosophie, das heißt, er hat mehr mit dem Text zu tun, ich eher mit der Planung.
Wenn wir eine Sequenz inszenieren, dann funktionieren „Text“ und „Planung“ nur
noch als eins – also auch wir.

Haben Sie nie Streit?

Stéphane: Ständig! Aber vor allem liegen wir mit uns selbst im Zwist. Wenn wir dann
reden müssen, sind wir am Ende immer einverstanden.
Guillaume: Wir wohnen in derselben Straße, wir sehen uns so gut wie jeden Tag.
Kaum verwunderlich, dass wir fast Schulze und Schultze sind.

War der Film schwierig zu produzieren?

Stéphane: Das fragt man am besten die Bronckart-Brüder — das sind echte Helden,
wir sind wirklich froh, den Film mit ihnen gemacht zu haben – ohne sie hätte es keinen
Film gegeben!
Guillaume: Da wir beide Co-Produzenten in unserem kleinen Unternehmen sind, können wir ganz ehrlich unsere Meinung sagen: wir können nur für uns selbst sprechen, aber wir haben bei diesem Film sehr große Enttäuschungen erlebt. Auf französischer Seite unterstützte uns kein einziger Fernsehkanal, weder Canal noch Arte noch France Télévisions noch M6 noch CNC oder irgendein Kabelkanal … Obwohl unsere französischen Co-Produzenten TS Productions sich alle Mühe gegeben haben, aber gut, der Markt ist hart. Auf kanadischer Seite mussten wir auf die Filmförderung der Sodec verzichten, weil der Film so teuer zu produzieren war. Auf belgischer Seite hatten wir keine Unterstützung von Wallimage, weil wir das angegebene Budget überschritten hatten.
Stéphane: Es war also insgesamt ein echter Horror!
Guillaume: Daher unser Dank an Versus und unsere Produktionsdirektorin Sophie
Casse, die wahre Wunder bewirkt hat. Der Film wurde trotz allem geboren, deshalb:
Danke!

Brüssel, 9. April 2015

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